perspektive n

Berichte vergangener Veranstaltungen

© DUK/Till Budde

22. Juni 2016, Hochschule Nordhausen

“Ist die Hochschule Nordhausen zukunftsfähig?”

Eine Hochschule der offenen Türen, aber Potential in den Strukturen

Unsere Debattenreihe perspektive n ging mit dem Titel “Ist die Hochschule Nordhausen zukunftsfähig?” in die zweieinhalbte Runde. Nach Erfurt und der Kooperationsveranstaltung in Chemnitz fanden sich Johannes und Michael in einer zukunftsgewandten Hochschule in der nördlichen Peripherie Thüringens wieder. Mit dem Regionalzug reisten wir durch grüne Landschaften. In Nordhausen studieren ca. 2.200 Menschen auf einem grünen, hügeligen Campus, auf dem in einem Wagen die Bienen schwirren, die die üppige Natur zum blühen bringen. Der Beschluss wurde bereits gefasst, dass bald Hühner den Campus freilaufend besiedeln; auch die mähenden Schafe sind in nächster Zeit möglich. Daneben bietet die Hochschule mit ihren technischen Studiengängen auch ein Solaranlagen-Testfeld; soziale Studiengänge wie z.B. soziale Arbeit und Heilpädagogik komplettieren das Angebot.

Unsere Diskussion kam dank des großartigen Engagements der Hochschulinitiative Go Fair Nordhausen zustande, die eine ganze Woche der Nachhaltigkeit mit 2 bis 3 Veranstaltungen pro Tag organisierte – Wahnsinn! Vorab: Wichtige Akteure der Hochschule setzen sich für Nachhaltigkeit ein, eine große Offenheit war während der Diskussion zu spüren. So nahmen Prof. Dr. Jörg Wagner, Präsident, und Prof. Dr.-Ing. Viktor Wesselak, Vizepräsident und ehemaliger Vorsitzender sowie aktuelles Mitglied des Thüringer Nachhaltigkeitsbeirats, von Seiten der Hochschulleitung und Hannes Haller, Doktorand und Mitglied von Go Fair, mit seiner studentisch-promovierenden Perspektive teil. Zudem hatten wir es mit einem anfangs zurückhaltenden und sogar verschüchterten Publikum zu tun, das aber nach kurzer Zeit aktiv und vehement an der Diskussion teilnahm.
Was geht bereits an der Hochschule? Die Hochschule hat in ihrem Leitbild die ökologische, soziale und ökonomische Dimension der Nachhaltigkeit verankert. Darauf lässt sich aufbauen. Zudem haben einige Studiengänge einen expliziten inhaltlichen Nachhaltigkeitsbezug. Auch in der Forschung in Recycling, regenerativen Energien und Cradle-to-Cradle hat die Hochschule einiges vorzuweisen. Der Campus wurde bereits energetisch untersucht und bald soll ein Blockheizkraftwerk mit hohem Wirkungsgrad gebaut werden. Auch wird die Mensa als “progressiv” eingeschätzt. Die Hochschulleitung lebt einen dezentralen Ansatz, d.h. sie versucht zu motivieren, studentisches Engagement zu fördern und praktiziert eine Kultur der offenen Türen. In keinem Fall möchte sie top-down verbindliche Vorgaben den Fakultäten vorsetzen. Aber wie wir in Erfurt gelernt haben, sollte und muss die Leitung Nachhaltigkeit auf die Agenda setzen und die Diskussionen immer wieder dahin lenken, damit sich etwas verändert – alleinig bottom-up ist die Transformation der Hochschule nicht zu erreichen. Die zu spürende Offenheit muss zudem besser an die Studis kommuniziert werden, wie sich herausstellte, denn es gilt, Vorurteile und den Respekt vor Machtpositionen abzubauen, damit die Gesprächsbereitschaft auch von jungen Studierenden wahrgenommen und eingefordert wird.

Welche Impulse für die weitere Veränderung der Hochschule wurden eingebracht? Hannes sprach sich deutlich für mehr Anreize seitens der Hochschulleitung aus, damit die Fakultäten und einzelne Profs die Lehre und Forschung in Richtung Nachhaltigkeit verändern. Auch zeigte sich, dass die Wirtschaftswissenschaften überall in Deutschland, aber auch in Nordhausen noch arg zu verbessern sind, was Lehrinhalte und die Forschung angeht. Denn Pluralität in den Methoden und Theorien wird erst möglich sein, wenn auch Gelder genau dafür bereitgestellt werden und andere Ansätze den nachwachsenden BWLern und VWLern mit auf den Weg gegeben werden. Da könnte sich Nordhausen modellhaft positionieren, die Rahmenbedingungen wären gegeben. Weiterhin wurde immer wieder gefordert, ein fächerübergreifendes Angebot für Schlüsselqualifikationen wie z.B. Studium Oecologicum (Tübingen, Dresden …), ASQ (Halle) oder Studium Fundamentale Nachhaltigkeit (Erfurt) einzuführen. Ebenfalls denkbar wären Kreativwerkstätten (analog zu den Projektwerkstätten der TU Berlin), damit forschendes Lernen und Lehren die Studis zu mehr Gestaltungskompetenz befähigt und sie in den inter- und transdiziplinären Austausch bringt. Bisher gibt es nur eine übergreifende Struktur für Sprachkurse; dies wäre ein möglicher Ansatzpunkt, dort die Struktur zu erweitern. Gefordert wurden Kreativwerkstätten oder übergreifende Angebote auch, damit sich die technischen und eher sozialen Studiengänge mehr begegnen und austauschen auf dem Campus – da könnte die Hochschule mehr Räume der Begegnung schaffen und Austausch fördern. Wie sich weiter herausstellte, könnten oder sollten auch an dieser kleinen Hochschule Strukturen und klare Verantwortlichkeiten geschaffen werden. Ein Nachhaltigkeitsrat besteht, aber er tagte lange nicht mehr. D.h. ein fester Nachhaltigkeitsbeauftragter in der Leitung und zudem in den Fakultäten wäre wünschenswert oder auch ein Green Office. Johannes brachte überdies die EMAS-Zertifizierung ins Spiel, die z.B. in Kiel mit wenig Aufwand eine große Ressourceneinsparung und damit verbundene Geldeinsparungen mit sich brachte. Die Hochschule Nordhausen hat mit der energetischen Betrachtung des Campus vorgelegt. Warum diese nicht in eine EMAS-Zertifizierung und ganzheitliche Betrachtung der Campus münden lassen? Letztlich hätte Nordhausen das Potential, Nachhaltigkeit als Alleinstellungsmerkmal unter den Thüringer Hochschulen zu entwickeln. Der Koalitionsvertrag der rot-rot-grünen Landesregierung sieht die Förderung von Nachhaltigkeit in Forschung und Lehre vor, zudem wird derzeit das Hochschulgesetz novelliert, wo Vorschläge dankend aufgenommen werden.

Insgesamt ein sonniger, schöner Nachmittag in Nordhausen. Wir haben den grünen Campus mit einem sehr guten Gefühl verlassen. Einen herzlichen Dank an Go Fair Nordhausen für die Organisation und den StuRa und die Heinrich-Böll-Stiftung Thüringen für die Kooperation und finanzielle Unterstützung. Wir freuen uns auf ein Wiedersehen und weitere perspektive-n-Veranstaltungen in ganz Deutschland.

Diskutanten:

  • Prof. Dr. Jörg Wagner, Präsident der HS Nordhausen
  • Prof. Dr. –Ing. V. Wesselak, Vizepräsident für Forschung der HS Nordhausen
  • Hannes Haller, Doktorand FH Nordhausen, GoFair Nordhausen
  • Johannes Geibel, Vorstand netzwerk n e.V., Nationale Plattform Weltaktionsprogramm BNE, Gründungsmitglied Greening the University Tübingen

Moderation:

  • Michael Flohr, Vorstand netzwerk n e.V., Universität Erfurt, Fachforum Non-formales und informelles Lernen/Jugend im Weltaktionsprogramm BNE

perspektive n an der PH Ludwigsburg, 29. Juni 2017

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