perspektive n

Berichte vergangener Veranstaltungen

© DUK/Till Budde

2. perspektive n | 26. April 2018, Universität Greifswald

Hat BNE eine Perspektive? Perspektivencafé und perspektive n hinterlassen ein ambivalentes Bild

Aus der ersten perspektive n an der Universität Greifswald im Mai letzten Jahres entwickelte sich die Idee, eine Woche der Nachhaltigkeit in der Lehre zu veranstalten. Zwischen dem 23. und 29. April 2018 war es soweit: Dr. Mascha Hansen (Anglistik/Amerikanistik) und Dr. Tiemo Timmermann (Nachhaltigkeitsbeauftragter) stellten mit ihrem vierköpfigen studentischen Team ein beachtliches und vielfältiges Programm auf die Beine. Von Party, Poetry-Slam, Workshops, Peer-to-peer-Coaching, Vorträgen, Exkursionen, Markt der Möglichkeiten bis Fishbowl-Podiumsdiskussion war für jeden Geschmack etwas dabei – alles im Zeichen der beiden Leitfragen: “Wie können didaktische Wege und fachliche Inhalte uns dazu befähigen, die Auswirkungen des eigenen Handelns auf die Welt zu verstehen und verantwortungsvolle Entscheidungen für die Zukunft zu treffen? Was ist eigentlich BNE?”

Die erste Frage bereitet die Antwort auf die zweite vor, die die wahrliche Herausforderung in der Kommunikation von BNE ist, wie sich auch am 26. April zeigte, als Michael für unser netzwerk n an die Ostseeküste fuhr, um sowohl im Perspektivencafé unsere Aktivitäten zu präsentieren als auch die perspektive n-Diskussion “Wie kommt die Nachhaltigkeit in die Lehre?” moderierend zu gestalten. Im Perspektivencafé hatten zuerst allerlei BNE- und Umweltbildungs-bezogene Initiativen aus überwiegend Mecklenburg-Vorpommern die Gelegenheit, sich in einem stillen Tischgespräch auszutauschen und sich kennenzulernen. Später konnte sich die interessierte Öffentlichkeit bei einem Markt der Möglichkeiten an den Ständen informieren – auch perspektivisch über Berufsbilder und -wege in der BNE. Obwohl die Zahl der Interessierten überschaubar war, hat sich das Format absolut gelohnt und so nutzte Michael die Zeit, an den Ständen der anderen vorbeizuschauen und deren Aktivitäten in inspirierenden Gesprächen kennenzulernen sowie Studierenden aus Mecklenburg-Vorpommern das netzwerk n näherzubringen.

 

Nach einer Umbaupause war der Saal für die perspektive n bereit. Ungefähr 30 Gäste gesellten sich zu den sechs festen Diskutant_innen diverser Statusgruppen der Uni – ergänzt um Dr. Hilmar Westholm vom Kompetenzzentrum für Nachhaltige Entwicklung der Uni Hamburg und Dr. Martina Trümper aus dem Bildungs- und Wissenschaftsministerium Mecklenburg-Vorpommerns. Die Diskussion widmete sich einleitend dem Stand der BNE in der Lehre an der Uni Greifswald und allgemein in Deutschland, daran anschließend den gewünschten Zielen der Anwesenden, um abschließend konkrete Umsetzungsschritte anzusprechen.

Die Haupterkenntnisse des Tages:

  1. Inhaltlich ist das Thema der Nachhaltigkeit sehr gut im Lehr- und Lernangebot der Uni vertreten.
  2. Die Konzepte der BNE sind auch nach zehn Jahren UN-Dekade BNE (2005-14) und dreieinhalb Jahren Weltaktionsprogramm BNE (2015-2019) nur ansatzweise bekannt. Prof. Dr. Kai Niebert, der als Präsident des Deutschen Naturschutzrings die Woche in Greifswald mit einem Vortrag eröffnete, behauptet sogar, dass zehn Jahre BNE ohne Erfolg geblieben seien – die Kritik ist sicherlich überzogen, jedoch auf den Bildungsbereich in Deutschland als Ganzes bezogen, nicht ganz von der Hand zu weisen. In der Diskussion bezog Prof. Dr. Steffen Fleßa, Prorektor für Studium und Lehre der Uni Greifswald, BNE z.B. ausschließlich auf den Inhalt der Lehre – und da sei die Universität Greifswald sehr gut aufgestellt. Die didaktische, ergo methodische Gestaltung von Lehrveranstaltungen, verbindet er nicht mit BNE. Etablierte Ansätze weisen aber genau darauf hin, dass neben dem Inhalt die Form essentiell ist und Gestaltungskompetenz z.B. durch projektbasiertes, handlungsorientiertes oder forschendes Lernen ausgebildet werden kann, damit Studierende nicht-nachhaltige Entwicklungen erkennen und durch eigenes Handeln einen Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung leisten können.
  3. Die Universität Greifswald hat einen feinen Schatz an interessierten und engagierten Studierenden, Mitarbeiter_innen und Dozierenden, die sich für die nachhaltige Entwicklung ihrer Hochschule einsetzen. Eine Aufgabe der nahen Zukunft wird es sein, den sowohl für Studierende als auch für Lehrende und Mitarbeiter_innen demotivierenden Kreislauf aufzulösen: Studierende benötigen Freiheit, Vertrauen und (finanzielle und physische) Räume, damit sie erst ein stärkeres Engagement für z.B. die nachhaltige Entwicklung ihrer Hochschule entwickeln. Andererseits sind Lehrende und Mitarbeiter_innen enttäuscht, wenn sich Studierende zu wenig eigeninitiativ zeigen und engagieren. Die Diskussion zeigte wiederum, dass wechselseitiges Vertrauen und Zutrauen über eine längere Zeitspanne aufgebaut werden muss, der regelmäßige Austausch auf Augenhöhe unentbehrlich ist und Möglichkeitsräume für Engagement in der Struktur von Hochschule und Lehrveranstaltungen fest angelegt sein müssen.
  4. Eine aktivierende und viele Personen im Saal partizipierende Diskussion ist mit sechs festen Plätzen nur schwer zu erreichen.

Insgesamt war der Ausflug nach Greifswald einmal wieder eine große Freude. Nicht zuletzt war es ein Vergnügen, nach der perspektive n im vergangenen Jahr einen weiteren Einblick in die Entwicklungen in Greifswald zu erhalten. Wir freuen uns auf den nächsten Besuch!

Diskutant_innen:

  • Dr. Martina Trümper: Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur Mecklenburg-Vorpommern
  • Prof. Dr. Steffen Fleßa: Prorektor für Studium und Lehre Universität Greifswald, Lehrstuhl für Allgemeine BWL und Gesundheitsmanagement
  • Dr. Hilmar Westholm: Kompetenzzentrum Nachhaltige Universität (KNU) und HOCH-N, Universität Hamburg
  • Prof. Dr. Christine Tamásy: Lehrstuhl für Humangeographie Universität Greifswald
  • Dr. Stefan Ewert: wissenschaftlicher Mitarbeiter an Juniorprofessur für Politische Soziologie
  • Jorrit Holst: Bachelor Landschaftsökologie und Naturschutz Universität Greifswald

Moderation: Dr. Michael Flohr, netzwerk n e.V.


1. perspektive n | 18. Mai 2017, Universität Greifswald

Zwischen finanziellen Nöten und dem Wille zur nachhaltigen Entwicklung

Am 18. Mai fuhren gleich vier netzwerk n-Engagierte bei strahlendem Sonnenschein und fast sommerlicher Urlaubsstimmung an die Ostseeküste. Die bereits dritte perspektive n  des Sommersemesters führte uns an die Universität Greifswald. Dr. Tiemo Timmermann, der Nachhaltigkeitsbeauftragte der Universität, war mit einer kleinen engagierten Studi-Gruppe auf unserer konferenz n³  im vergangenen Dezember in Berlin zu Gast und begeisterte sich dafür, unsere Veranstaltungsreihe in die Vortragsreihe „Nachhaltigkeit interdisziplinär. Ein Blick voraus“ aufzunehmen, um Impulse für mehr Nachhaltigkeit an seiner Hochschule und einen engeren statusgruppenübergreifenden Dialog zu setzen.

Der Titel „Den Horizont im Blick – Ist unsere Universität zukunftsfähig?“ bot reichlich zur Transformation passende Assoziationen: zur Ferne, zum sehnsuchts- und hoffnungsbeladenen Weitblick auf das Meer, zum unbändigen Veränderungswillen und zur unerschöpflichen Entdeckerfreude; einige dieser Motive, die zum Suchprozess der nachhaltigen Entwicklung gehören, verarbeitete auch der in Greifswald geborene und wirkende Romantiker Caspar David Friedrich in seinen melancholisch-sinnierenden Stimmungsbildern. Eine weitere Inspirationsquelle für den Gedanken der Nachhaltigkeit liefern die großen Waldgebiete, die die Uni seit ihrer Gründung 1456 besitzt und unterhält; denn schließlich begründete der Oberberghauptmann Hans Carl von Carlowitz mit seinem 1713 erschienen Buch Sylvicultura Oeconomica die Idee der Nachhaltigkeit anhand des nachhaltenden Haushaltens in der Forstwirtschaft.

In der Diskussion ergaben sich zwei Schwerpunkte: zum einen der Betrieb, was bereits die Besetzung des Podiums erahnen ließ, und zum anderen Strukturen bzw. die Nachhaltigkeits-Governance. Im Leitbild der Hochschule ist seit einigen Jahren das Ziel der CO2-Neutralität verankert – ein Ziel, dass gegenwärtig nicht die größte Priorität genießt und (noch) nicht mit einem Zeitpunkt zur Zielerreichung verbunden ist. Dies ist der schwierigen finanziellen Lage und dem Alltagsgeschäft geschuldet, denen sich die Nachhaltigkeitsambitionen im Moment unterordnen müssen. Die Bemühungen zur Implementierung eines Umweltmanagementsystems nach EMAS scheiterten beispielsweise vor wenigen Jahren, weil eine Stelle nur befristet vorgesehen war. Da jedem Scheitern ein Anfang innewohnt, plant Tiemo Timmermann über ein derzeit im Aufbau befindliches Energiemanagementsystem einen neuen Anlauf für ein systematisches Umweltmanagementsystem – hoffentlich mit engagierter Unterstützung der Uni-Leitung. Claas Cordes, Kanzler der HTW Berlin und ehemals der Hochschule für Nachhaltige Entwicklung Eberswalde (HNEE), berichtete enthusiastisch von der inspirierenden und motivierenden Kraft, die ein solcher Prozess für die Organisation Hochschule entfalten kann: „Die Einführung eines Nachhaltigkeits- oder Umweltmanagements an Hochschulen birgt den größten Impact an ungeahnten Stellen. Insofern sollten Hochschulen offen sein für Überraschungen.“ Insbesondere wiesen Cordes und Johannes Geibel auf das hilfreiche Zusammenspiel zwischen Studierenden, wissenschaftlich Beschäftigten und Verwaltung hin – sei es im Betrieb, in der Lehre, in der Forschung oder in der Governance. Johannes ermunterte die Handelnden der Universität Greifswald zudem, verstärkt Möglichkeiten zu schaffen, damit sich Studierende aktiv in den Nachhaltigkeitsprozess einbringen können. „Räume schaffen“ heißt hier das Zauberwort – physisch, zeitlich und finanziell. Denn wenn es der Hochschule gelänge, den Nachhaltigkeitsinteressierten und Veränderungsbegeisterten Räume für Engagement zu geben und dieses dadurch zu wertschätzen, könnte die Universität Greifswald viel weiter sein.

Diskutant_innen:

  • Claas Cordes, Kanzler HTW Berlin und ehemals HNE Eberswalde
  • Joachim Müller, HIS-Institut für Hochschulentwicklung
  • Wolfgang Flieger, Kanzler Universität Greifswald
  • Dr. Volker Beckmann, Lehrstuhl für Allgemeine VWL und Landschaftsökonomie
  • Xenia Valero-Schönhöft, ehemalige AStA-Co-Referentin für Umweltpolitik und Nachhaltigkeit
  • Johannes Geibel, netzwerk n e.V., Nationale Plattform Weltaktionsprogramm BNE

Moderation:

  • Michael Flohr, Vorstand netzwerk n e.V., Universität Erfurt, Fachforum Non-formales und informelles Lernen/Jugend im Weltaktionsprogramm BNE

Nachhaltigkeitsverständnis der Diskutant_innen:

Joachim Müller:

„Verantwortung und Gerechtigkeit.“

Prof. Dr. Volker Beckmann:

„Ich verstehe Nachhaltigkeit primär im klassischen ressourcenökonomischen Sinne als die Art und Weise  Ressourcen so zu bewirtschaften, dass deren wertbringende Nutzung möglichst dauerhalft aufrechterhalten werden kann. Die Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen ist dabei fundamental. Praktisch bedeutet Nachhaltigkeit für mich (1) den Horizont zu erweitern, sowohl zeitlich als auch sachlich, um Handlungsfolgen besser abschätzen zu können, (2) Verantwortung für die direkten und indirekten Auswirkungen des Handels zu übernehmen und (3) Ziele zu definieren sowie Strukturen und Maßnahmen zu implementieren, damit Handlungen zum Erhalt der Ressourcen insbesondere zum Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen beitragen können.“

Xenia Valero-Schönhöft

„Nachhaltigkeit bedeutet für mich, das Leben in seiner Gesamtheit so zu gestalten, dass langfristig sowie kontinuierlich gleich gute oder sogar bessere Umweltbedingungen und Lebensstandards gesichert werden können.“

perspektive n in Friedrichshafen, 12. April 2017

perspektive n an TU Berlin, 30. Mai 2017

perspektive n an der Universität Halle, 28. Juni 2017

perspektive n in Witten, 7. Juni 2017 | © Michael Kotowski