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Bildung, Bits & Bäume – digitale, nachhaltige Hochschultransformation

Autor*innen: Eva Kern, Florian Kohler, Julian Reimann, Josephin Wagner

Wir, der netzwerk n e.V., unterstützen die Forderungen der Bits & Bäume Konferenz (2018)[1].
Im Rahmen der konferenz n (2019): “Bildung, Bits & Bäume Hochschulen digital & nachhaltig?!”[2] haben wir weitere Forderungen formuliert, die zur Umsetzung einer nachhaltigen[3] und digitalen Hochschule beitragen sollen. Die notwendige Gestaltung einer nachhaltigen Digitalisierung wird ganz besonders in der Corona-Krise deutlich, worauf das netzwerk n im Blogbericht “Konsequenzen der Corona-Krise auf die (deutsche) Hochschullandschaft”[4] hinweist.

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1.Digitalisierung an Hochschulen demokratisch und transparent gestalten

Digitalisierungsstrategien sollten unter Beteiligung bestehender demokratischer Hochschulgremien in einem Statusgruppen-übergreifenden, partizipativen Prozess erarbeitet werden, um alle Perspektiven einzubeziehen und allen Statusgruppen die Ausübung ihres Mitsprache- und Entscheidungsrecht zu ermöglichen. Bezogen auf die Governance-Ebene[5] sollten Digitalisierungsvorhaben in den Hochschulen die aktive Beteiligung innerhalb des Hochschulgeschehens erleichtern. Bezogen auf die Lehre – sowohl vor Ort als auch digital – bedeutet das insbesondere eine bessere Einbindung von Studierenden bei der Gestaltung von Curricula und Lehrveranstaltungen oder bei Bedarfsprüfungen zur Ausgestaltung von Lehrveranstaltungen.

Daher fordern wir, dass Digitalisierung dazu genutzt wird, auf allen Ebenen für alle Statusgruppen mehr Transparenz und Partizipationsmöglichkeiten bei der Hochschulentwicklung zu schaffen. Dabei muss insbesondere[6] auch studentisches Engagement zur Gestaltung einer nachhaltigen Digitalisierung, zum Beispiel durch die Bereitstellung geeigneter Infrastruktur, gestärkt werden.

2. Chancen und Risiken des digitalen Wandels erforschen, begreifen und ihn gestalten

Nur wer die Risiken und Chancen von Digitalisierung kennt und versteht[7], kann den digitalen Wandel im Sinne einer sozial-ökologischen Transformation[8] gestalten. Nachhaltige und digitale Hochschulen sollten Orte sein, an denen Risiken und Chancen von Digitalisierung erforscht werden und der digitale Wandel begreif- und gestaltbar gemacht wird. Im Falle von Forschungskooperationen zwischen Hochschulen und Akteur*innen aus der Digitalwirtschaft sollten im Sinne einer guten Forschungspraxis eingebrachte Forschungsmittel transparent kommuniziert werden, um damit verbundene Interessen und Einflussnahmen aufzuzeigen und gegebenenfalls dagegen zu steuern.
Gewonnene Erkenntnisse in Bezug auf globale Umwelt- und gesellschaftliche Wirkungen von Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) sollten aktiv in die Lehre eingebunden werden und insbesondere Teil der Ausbildung in der Informatik, dem Elektroingenieurwesen und verwandten Bereichen sein. Dies bezieht sich auf die Produktion von Hardwareprodukten über die Entwicklung von Softwareprodukten bis hin zur Gestaltung von digitalen Prozessen, wie sie in der Hochschulverwaltung beim im- und exmatrikulieren oder in der Hochschullehre bei der Bereitstellung von Lern- und Lehrmaterialien der Regelfall sind. Darüber hinaus sollten gewonnen Erkenntnisse auch der breiten Öffentlichkeit im Sinne von OER (Open Educational Resources) – allgemein verständlich zugänglich gemacht werden, z.B. durch eine Stärkung öffentlicher Vorlesungsverzeichnisse und Ringvorlesungen sowie der vermehrten Bereitstellung von MOOCs. Denn Hochschulen sind nicht nur Orte von Lehre und Forschung, sondern nehmen darüber hinaus Einfluss auf gesellschaftliche Diskurse und bestimmen diese oft entscheidend mit.
Um auch der breiten Bevölkerung die Möglichkeit der Partizipation an einer nachhaltigen Transformation zu geben[9], müssen wissenschaftliche Publikationsmechanismen so erweitert werden, dass aktuelle Forschungsergebnisse einer außeruniversitären Öffentlichkeit verständlich dargelegt werden.
Außerdem sollten mehr Formate geschaffen werden, in denen die breite Bevölkerung im Sinne von Citizen Science in Forschungsprojekte eingebunden werden kann[10]. Dies gilt sowohl für Forschung zur digitalen Transformation als auch in Bezug auf die Entwicklung der technischen Infrastruktur für die Digitalisierung.

Daher fordern wir, dass Hochschulen verstärkt zu Digitalisierung forschen und eine aktive Rolle bei ihrer Gestaltung einnehmen, z.B. indem Forschungsergebnisse verstärkt allgemeinverständlich frei zugänglich gemacht werden (OER), Lehrveranstaltungen für ein breiteres Publikum geöffnet werden (Ringvorlesungen, MOOCs) und eine breitere Bevölkerung in Forschungsprojekte eingebunden wird (Citizen Science). Bei der Ausbildung von Fach- und Führungskräften im Bereich der IKT müssen verstärkt Themen der nachhaltigen Entwicklung integriert und thematisiert werden.

 

3. Digitale Mündigkeit ermöglichen

Die Forderungen zu Nachhaltigkeit und Ethik an Hochschulen[11] müssen auf die Digitalisierung übertragen werden. Dies bedeutet insbesondere, dass Studierende zu mündigen Bürger*innen ausgebildet werden. Dazu gehört die digitale Mündigkeit[12], welche bisher größtenteils ignoriert wurde. Studierende müssen in die Lage versetzt werden, digitale Endgeräte, Anwendungen und Medien bewusst und mündig für den eigenen Lernprozess und im Alltag zu nutzen. Dazu gehört auch ein grundsätzliches Verständnis von Algorithmen, deren Einsatzfeldern sowie deren Wirkmechanismen in Bezug auf eine Verschärfung von Machtasymmetrien auf der politischen, ökonomischen und ökologischen Ebene – mit der Zielstellung, diese durch die entsprechend fachlich ausgebildeten Studierenden zukünftig pluralistischer zu gestalten. Insgesamt müssen Querschnittsthemen wie Digitalisierung und nachhaltige Entwicklung stärker Gegenstand der Lehre werden und die vorhandenen Bezüge in verschiedenen (Fach-) Modulen aufgegriffen werden.

Daher fordern wir, eine verpflichtende Grundlagenvorlesung zu Digitalisierung mit all ihren Chancen und Risiken in allen Studiengängen. Im weiteren Studienverlauf muss es ein weiteres Modul geben, welches insbesondere auf die Medienkompetenz im entsprechenden Wissenschaftsprofil eingeht.

 

4. Vernetzte Bereitstellung von Wissen, um Bildung Mithilfe von Digitalisierung zu verbessern

Digitalisierung in Form einschlägiger Hochschulplattformen kann dazu dienen, dass sich Hochschulen inklusive ihrer Lehrinhalte und -materialien miteinander vernetzen. Studierende erhalten Zugang zu anderen Hochschulen. Durch den Austausch von Material können Synergien geschaffen und Ressourcen effizienter genutzt werden. Der Aufwand zur Erstellung eigener Materialien wird reduziert, überregional verfügbares Material durch gemeinsame Arbeit daran optimiert. Dazu bedarf es länderübergreifender (idealerweise paneuropäischer oder globaler) einheitlicher Richtlinien, die eine Kompatibilität der bereitgestellten Inhalte und Datenformate befördern. Die technische Umsetzung bzgl. der Interoperabilität ist entsprechend zu erarbeiten, Open Source-Lösungen sind zu bevorzugen.

Durch einen internationalen Austausch über solche Plattformen besteht die Möglichkeit, Digitalisierung in einer globalisierten Welt in der Hochschullehre und -forschung zu thematisieren und das notwendige Bewusstsein für eine nachhaltige und digitale Transformation zu schaffen.

Daher fordern wir, dass Digitalisierung dazu genutzt wird, Hochschulen national, europäisch und international stärker zu vernetzen um auf allen Ebenen Synergien zu schaffen und Ressourcen effizienter zu nutzen.

 

5. Nachhaltige Beschaffung fordern und fördern

Hochschulen dürfen die Bildung von Monopolen und auch die Datenkonzentration durch monopolartige digitale Dienstleister*innen im Softwarebereich und bei digitalen Anwendungen nicht unterstützen und müssen als öffentliche Einrichtungen Open Source Lösungen stärken, die zum Gemeinwohl beitragen und Monopolisierung[13] entgegenwirken. Um Studierende trotzdem optimal auf ihr Berufsleben vorzubereiten, in dem nach wie vor kommerzielle Softwareprodukte vorherrschen, sollten Hochschulen zumindest in der Ausbildung zweigleisig fahren und auch für Open Source Alternativen ausbilden.

Die Bereitstellung von Open Source Produkten neben proprietärer Software heißt in letzter Konsequenz auch, dass die IT-Zentren der Hochschule diese betreuen und Beratung dazu anbieten. Dadurch bleiben IT-Zentren unabhängiger von Großkonzernen mit Monopolstellung, die durch Lizenzmodelle u.ä. den Takt von außen vorschreiben. Außerdem werden so insbesondere Hochschulangehörige inkludiert, die ihre Expertise im Open Source Bereich haben.

Nachhaltige Beschaffungsrichtlinien einer Hochschule müssen den IKT-Bereich umfassen. Auch bei Software bedarf es einer nachhaltigen Beschaffung, beispielsweise durch Berücksichtigung des Blauen Engels[14] bei Software- und auch Hardware-Produkten. Hochschulen können diesen Prozess durch Forschung unterstützen.

Das umfasst auch:

  • Bei der Erstellung von Nachhaltigkeitsberichten muss der durch die Digitalisierung hervorgerufene und häufig außerhalb der Landesgrenzen externalisierte und damit in Statistiken unsichtbare Ressourcen- und Emissionsfußabdruck angemessen berücksichtigt werden.
  • Bei der Erarbeitung von Nachhaltigkeits- bzw. Digitalisierungsstrategien muss auch der ökologische Fußabdruck sowie die Produktionsbedingungen als Kriterium bei der Beschaffung digitaler Geräte eine angemessene Berücksichtigung finden. Das heißt in letzter Konsequenz, dass Nachhaltigkeitsgrundsätze als Leitprinzipien für Digitalisierungsstrategien gelten sollten.
  • Server und ihre Datenclouds sollten im Inland bzw. Daten innerhalb der Hochschulen oder ihrer Landesnetze belassen werden.

Elektronische Geräte müssen reparierbar und recyclebar sein – eine möglichst lange Lebensdauer ist anzustreben. Das muss bereits bei der Beschaffung beachtet werden: Geräte, die nicht oder nur schwer repariert werden können, dürfen von Hochschulen nicht beschafft werden. Außerdem sollten offene Werkstätten bzw. Repair-Cafés durch Hochschulen etwa durch die Bereitstellung von Räumlichkeiten oder eine finanzielle Förderung unterstützt werden. Gemeinwohlorientierte Forschung und Produktentwicklung muss mehr Einzug in Hochschulen finden. Öffentliche Mittel für Software-Entwicklung und -Beschaffung sollten ausschließlich in Open Source-Produkte investiert werden.

Daher fordern wir, dass Hochschulen verstärkt nachhaltige Beschaffung fordern und fördern, indem nur Hardware beschafft wird, die reparierbar und recyclebar ist, verstärkt Open Source Software beschafft oder selbst entwickelt wird, bei proprietärer Produkten auf Umweltkennzeichen wie den Blauen Engel geachtet und bei Cloud-Lösungen auf regionale oder nationale Lösungen zurückgegriffen wird.

 

6.  IT-Sicherheit und Datenschutz an Hochschulen

Um den Anforderungen an IT-Sicherheit gerecht zu werden, sollten Hochschulen verpflichtet werden, ihre eigene IT-Sicherheit zu analysieren und zu bewerten. Durch diese Audits können Schwachstellen aufgedeckt und Weiterbildungen für das IT-Personal zielgerichtet ausgewählt werden. Als Konsequenz sollte es jedes Semester verpflichtende Aus- und Weiterbildungen für alle Hochschulangehörigen geben, damit die von ihnen genutzte Hard- und Software effizient und sicher genutzt werden kann.

Dies beinhaltet insbesondere das Thema Datenschutz. Hochschulangehörige müssen ohne große Hürden einsehen können, sowie darauf hingewiesen werden, welche ihrer personenbezogenen Daten für welche Dienste an welche Firmen ausgehändigt werden (oder würden), um auf dieser Grundlage über den Einsatz bestimmter Hard- oder Software entscheiden zu können. Es sollte immer auch eine Variante bereitgestellt werden, die weniger personenbezogene Daten in Anspruch nimmt.

Daher fordern wir, dass die IT-Sicherheit an Hochschulen durch regelmäßige Audits verbessert wird und alle Hochschulangehörigen regelmäßig zu entsprechenden Themen weitergebildet werden, insbesondere was Datenschutz angeht.

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Wir verstehen diese Forderungen als Diskussionsgrundlage und freuen uns über Anregungen ganz nach dem Motto: Lasst uns gemeinsam nachhaltige digitale Hochschulen für eine zukunftsfähige Gesellschaft gestalten!

[1] https://bits-und-baeume.org/forderungen/info/de

[2] https://netzwerk-n.org/2020-07/

[3] https://netzwerk-n.org/ueber-uns/was-wir-machen/#Verständnisnachhaltigkeit

[4] https://netzwerk-n.org/2020-39/

[5] https://www.hochn.uni-hamburg.de/-downloads/handlungsfelder/ governance/hoch-n-leitfaden-nachhaltigkeitsgovernance-an-hochschulen.pdf

[6] Siehe z.B. „Was Bits und Bäume verbindet – Digitalisierung nachhaltig gestalten“ (Höfner, Frick 2019) für eine Einführung in Chancen und Risiken von Digitalisierung und Ansatzpunkte für eine nachhaltige Gestaltung der Digitalisierung. https://www.oekom.de/buch/was-bits-und-baeume-verbindet-9783962381493?p=1

[7] ebd.

[8] siehe z.B. https://www.brot-fuer-die-welt.de/themen/sozial-oekologische-transformation/; https://www.wbgu.de/fileadmin/user_upload/wbgu/publikationen/factsheets/fs1_2011/wbgu_fs1_2011.pdf ; https://ifg.rosalux.de/2007/10/13/sozial-oekologische-transformation/

[9] Siehe auch: Fischer, D., (2019). Nachhaltigkeitskommunikation. In: Zemanek, E., Kluwick, U. (Eds.), Nachhaltigkeit interdisziplinär. Konzepte, Diskurse, Praktiken. UTB, Stuttgart, 51-69.

[10] Ein Beispiel ist die Citizen Science Plattform „Bürger schaffen Wissen“ https://www.buergerschaffenwissen.de/

[11] http://www.nachhaltige-hochschulen.de/

[12] “Mit digitaler Mündigkeit wird die Fähigkeit zur Mitnutzung und -gestaltung digitaler Räume bezeichnet, die eine Vielfalt differenzierter Teilfähigkeiten umfasst, welche technische, soziale und politische Komponenten einschließt („Literacies“). So sind digital mündige Bürger in der Lage, selbstbestimmt digitale Plattformen zu nutzen, unerwünschte Risiken zu vermeiden, einen angemessenen Umgang zu pflegen und ihre Interessen auf konstruktive Weise zu verfolgen.” (Hoffmann, Christian P. https://www.cmgt.uni-leipzig.de/projekte/digitale_muendigkeit.html, abgerufen am 28.05.2020)

[13] https://www.oxfam.de/system/files/konzernmacht_digitale_welt_final.pdf

https://netzpolitik.org/2019/bits-baeume-verkauftes-internet/

[14] https://www.blauer-engel.de/de/get/productcategory/171/ressourcen-und-energieeffiziente-softwareprodukte