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Forschungssymposium an der HAW Hamburg: Digitalisierung und Nachhaltigkeit: Chancen und Perspektiven für deutsche Hochschulen

Die verschiedenen Perspektiven auf Digitalisierung, Nachhaltigkeit und ihre Schnittmenge

Unter dem Titel “Digitalisierung und Nachhaltigkeit: Chancen und Perspektiven für deutsche Hochschulen“ lud die HAW Hamburg am 8. März zu einem Forschungssymposium ein. Die Veranstaltung beschäftigte sich mit dem breiten Feld der digitalen Lehre, Digitalisierungsstrategien an den Hochschulen und der kritischen Perspektive auf Digitalisierungsprozesse. Dafür waren ungefähr 20 Vertreter*innen aus verschiedenen Hochschulen mit unterschiedlichen Hintergründen angereist, die – größtenteils – vorab einen Beitrag zum Programm des Symposiums eingereicht hatten. Daher setzte sich das Publikum hauptsächlich aus den Vortragenden und sonstigen Teilnehmer*innen zusammen – uns aus Vertreter*innen des netzwerk n und der Digitalen Change Maker des Hochschulforum Digitalisierung.

Im Laufe des Tages  wurden die Themen “Nachhaltigkeit” und “Digitalisierung” aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet. Insbesondere wurden die folgenden praktischen Projekte aus dem Hochschulkontext vorgestellt:

  • Die Wilhelm Büchner Hochschule und Mobile University of Technology, Darmstadt stellten eine Landkarte zur Nachhaltigkeit, den Stand deutscher Hochschulen in der Nachhaltigkeitsberichterstattung, eine vergleichende Analyse zu Digitalisierung und ein Konzept für eine digitale und nachhaltige Hochschule vor.
  • Digitale Angebote, wie SimCity, bauen die Hochschule Mittweida und Universität Leipzig in ihre Lehre ein und interpretieren sie als Erfahrungsraum, in dem immer wieder neue Ansätze gefunden werden, sodass Kompetenzen geschult werden. Durch die Herausforderung durch neue Situationen soll die Berufsfähigkeit Studierender gefördert werden, statt nur theoretisches Wissen aufzubauen.
  • Das Wuppertal Institut stellt mit Tex eine Möglichkeit zur Analyse von bspw. kommunalen Klimaschutzplänen oder auch zur Identifizierung von Vernetzungspotentialen und Diskursen in der HRK Forschungslandkarte Nachhaltigkeit.
  • Um Nachhaltigkeitsprojekte sichtbarer zu machen wurde an der Uni Hamburg eine Nachhaltigkeitslandkarte entwickelt, die Forschungsprojekte den SDGs zuordnet und sie in der Hochschullandschaft der UHH visualisiert.
  • Das berufsbildende Weiterbildungsangebot an der Hochschule Eberswalde vermittelt Wissen zu Digitalisierung und Nachhaltigkeit. Ein Lehrkonzept, bei dem der Schritt “vom Wissen zum Handeln” ausdrücklich erwünscht und gefordert wird.
  • Die FAU Erlangen-Nürnberg und die HAW Hamburg stellten sich der Frage, wie Lehre optimiert werden kann: Wie können Lehrkräfte medienkompetent ausgebildet werden? Wie kann Lehrenden Material zur Vermittlung von Nachhaltigkeitsthemen zur Verfügung gestellt werden?
  • Die plattform n wurde als Möglichkeit zur digitalen Unterstützung von Nachhaltigkeitsinitiativen und -projekten präsentiert.

Bei all diesen Beispielen wird deutlich: Es wird zwar oft und viel sowohl über Nachhaltigkeit als auch über Digitalisierung gesprochen, aber so ganz scheint nicht klar zu sein, was die Begriffe genau bedeuten bzw. werden sie von jedem*r so interpretiert, wie es im thematischen Kontext gerade passt.

Es stellt sich die Frage, woher die Annahme kommt, dass digitale Kompetenzen direkt mit Nachhaltigkeit verknüpft sind und an welchen Stellen Nachhaltigkeit drin steckt, wenn es drauf steht. Die Beispiele der nachhaltigen Forschungslandkarten haben zumindest in ihren Inhalten einen Nachhaltigkeitsbezug. Sicherlich ein guter Schritt in die richtige Richtung um Transparenz für Nachhaltigkeitsaktivitäten zu schaffen. Ebenso erscheint der Ansatz, realweltliche Komplexität durch digitale Mittel spielerisch zu interpretieren und Lösungsansätze in der digitalen Welt zu finden, spannend – wenn dieser auch nicht neu ist, es lassen sich hierzu immer mehr Beispiele in der Hochschullehre finden. Jedoch ist immer die Frage, ob die Inhalte tatsächlich einen deutlichen Nachhaltigkeitsbezug haben oder ob es nur um realweltliche Probleme geht.

Eine weitere These aus dem Symposium, die es zu diskutieren gilt, ist: “Digitalisierung befeuert die Kompetenzen, die auch für Nachhaltigkeit gebraucht werden.” (Prof. Sabine Landwehr-Zloch). Interessanter Gedanke – stellt sich die Frage, ob nicht (zusätzlich?) auch beides zusammen gesehen werden kann und ob nicht mit digitaler Lehre Nachhaltigkeitsthemen innovativ vermittelt werden können. So lange jedenfalls, wie in der Technik zur Bereitstellung der Digitalisierung Fragen des Ressourcenbedarfs und globaler Verteilungsgerechtigkeiten mitgedacht werden.

Was uns auf eine kritische Perspektive hat hoffen lassen, war die angekündigte Digitalisierungskritik von Rainer Schoenen (HAW Hamburg). Er zeigt die Umweltwirkungen von Digitalisierung und insbesondere der benötigten Hardware auf. Insbesondere betont er das Problem der Kurzlebigkeit digitaler Produkte. Als Lösungsansatz schlägt er “User in the Loop” vor, der Nutzende integriert und dazu motiviert, etwas zu verändern. Dieser Lösungsansatz – Wer ist aufgefordert zu handeln? Nutzende? Herstellende? Politik? (vergleiche auch Studie der DBU) – wird zum Ende der Veranstaltung noch weiter diskutiert, ohne zu einem gemeinsamen Fazit zu kommen. Zudem fordert er eine quantitative Herangehensweise und ignoriert dabei Forschungsstränge, die sich zunehmend mit qualitativer Forschung und Anerkennung von alternativen Wissensformen, wie indigenem Wissen beschäftigt. Seine Vortragsweise gleicht dabei eher einem populistischen Polittalk als einem wissenschaftlich-fundiertem Vortrag.

Insgesamt lässt sich feststellen, dass in der Betrachtung von Digitalisierung und Nachhaltigkeit und insbesondere ihrer Schnittmenge noch viele Fragen offen sind. Was bedeutet Digitalisierung an Hochschulen? Was ist unter einer nachhaltigen Universität zu verstehen? Wie kann Digitalisierung eine nachhaltige Hochschule unterstützen? Auch wenn einige der vorgestellten (Praxis)Beispiele schon interessante Lösungsideen verdeutlichen, zeigte sich, dass beide Begriffe eben auch für aktuelle Trends stehen, wo es allerdings nicht reicht, diese in die eigenen Aktivitäten nur einzubauen und frei zu integrieren um eine Passung mit den Thematiken, mit denen “man sich eh schon beschäftigt”, zu erreichen. Hier bedarf es weiterer Begriffsklärungen, Wissensgenerierung, Konzepte, Strategien und ihrer interdisziplinär-langfristig-gedachten Umsetzung.

 

Ein Gastbeitrag von Alexa Böckel, Eva Kern und Julian Reimann

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