perspektive n an der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) Berlin

Was kommt nach der EMAS-Zertifizierung? Studierende wollen mitreden

Idyllisch an der Spree gelegen, umgeben vom wummernden Sound eines Hochschulfests und im Rücken die aus alten, renovierten Industrie- und Neubauten bestehende HTW Berlin, die die Natur, den Boden mehr als großflächig versiegelt hat: So sah die örtliche Rahmung unserer perspektive n mit dem Titel „HTW: zukunftsfähig?! Wir wollen mitreden“ am 26. Juni an der HTW Berlin – mit rund 13.000 Studierenden die größte Hochschule für angewandte Wissenschaften in Berlin – aus. Bereits seit einem Jahr waren wir immer wieder punktuell in Kontakt mit Bruno Göbel, dem AStA-Referenten für Nachhaltigkeit, nun bot sich uns mit dem Abschluss der EMAS-Umweltmanagement-Zertifizierung, die HTW-Kanzler Claas Cordes angestoßen hatte, der passende Anlass, um über die nachhaltige Entwicklung der Hochschule zu sprechen. Die uns im netzwerk n schon viele Jahre bekannte studentische Initiative einleuchtend – wir erinnern alle Insider an die mobile Solar-Soundanlage – schloss sich dem Organisationsteam an und bereicherte mit ihren Positionen und Ideen die Debatte.

Insgesamt fanden ungefähr 30 Menschen verschiedener Statusgruppen den Weg zu unserer Veranstaltung. Nach einem Kurzinput von Kerrin van Bergen, Mitglied im Umweltmanagement-Team, zum Thema EMAS, widmeten wir uns hauptsächlich den beiden Schwerpunkten Lehre und Governance, da im Betrieb schon der große Bogen und viele kleine Dinge gut funktionieren: Solarpanels auf dem Dach, energieeffiziente Bewegungsmelder, veganes und Bio-Angebot in der Mensa, Preisreduktion um 40 Cent für mitgebrachte Trinkbecher uvm.

In der Lehre streben die Studierenden ein projekt-, forschungs- und problembasiertes inter- und transdisziplinäres Lehr- und Lernangebot an, was durch die Einführung einer Ringvorlesung, eines Studium Oecologicums oder von Projektwerkstätten realisiert werden könnte. Einigkeit bestand im Raum, dass innerhalb der HTW die Einzeldisziplinen stark segmentiert behandelt werden, selbstbestimmte Lernprozesse, die Vermittlung von Gestaltungskompetenz und das diskriminierungsfreie und Miteinander-Lernen erst am Anfang steht bzw. die Ausnahme bildet und die Output- und Karriere-Orientierung dominiert. Mit dem fachübergreifenden Bereich der Allgemeinwissenschaftlichen Ergänzungsmodule (AWE) bestünde sogar bereits eine Basis, auf der ein zu den TU Projektwerkstätten analoges Programm aufgebaut werden könnte. Claas Cordes würde sich mehr Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) für die HTW wünschen und hofft auf das in Menschen schlummernde Potenzial, was er durch seinen Aufruf „Wir können die Welt aus den Angeln heben“ deutlich macht, ist aber pessimistisch, ob eine Einführung neuer Lehrformate bei all der fachlichen Segmentierung durchzubringen ist. Gelder könne die HTW für ein Studium Oecologicum oder eine Ringvorlesung durchaus bereitstellen, so Cordes, aber dafür sei zuerst die Umschichtung von Haushaltsmitteln notwendig, was für ihn ein langfristiges Projekt sei, da die Widerstände und die Veränderungsängste deutlich spürbar seien.

Für den Bereich der Governance fordert einleuchtend, dass Strukturen aufgebaut werden, die Engagement fördern und verstetigen. Häufig, nicht nur an der HTW, hängt die nachhaltige Hochschulentwicklung von engagierten Einzelpersonen ab. Weiterhin sind die vielen positiven Umsetzungen von nachhaltiger Entwicklung auf dem Campus zu wenig sichtbar und bekannt. Letztlich wird eine stärke Vernetzung und Kommunikation zwischen engagierten Initiativen und Einzelpersonen aller Statusgruppen an der Hochschule eingefordert. Als möglichen Vorschlag, den genannten Herausforderungen entgegenzuwirken, haben wir das in der Verwaltung verankerte Green Office-Modelle eingebracht, allerdings wäre ebenso ein regelmäßiger statusgruppenübergreifender Runder Tisch oder der Ausbau des bestehenden Umweltmanagement-Teams zu einem mit der Studierendenschaft vernetzten Nachhaltigkeits-Team denkbar. Die Anwesenden standen diesen Ideen sehr positiv gegenüber, jedoch wird erst in den kommenden Monaten zu klären sein, welches Modell tragfähig ist, denn für Claas Cordes steht aktuell fest: „Wir sind überorganisiert. Wir müssen in der Organisation abrüsten.“ Dies steht unserer Meinung nach überhaupt nicht im Widerspruch z.B. zur Idee eines Nachhaltigkeitsbüros, da bestehende Organisationseinheiten schlicht angepasst werden müssten.

Zum Abschluss wurde deutlich, dass ein statusgruppenübergreifendes Austauschformat eine breite Unterstützung unter den Anwesenden erfährt. Schlaglichtartig kurz und knapp weitere Impulse: Sebastian Feucht wird in seiner Lehre selbstorganisierte Lernformate stärken und wünscht sich, wie es am KIT in Karlsruhe passiert, dass Noten während des Studiums so weit wie möglich verbannt werden. Die Initiative einleuchtend strebt an, ein Konzept für eine Ringvorlesung und/oder ein Governance-Modell auszuarbeiten. Kerrin van Bergen möchte sich für eine Verknüpfung von Lehre und dem Umweltmanagementsystem einsetzen. Und Claas Cordes würde gerne seinen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen wöchentliche ein bis zwei Stunden Freiraum während ihrer Arbeitszeit schaffen, damit sie Nachhaltigkeits-bezogene Bücher lesen, „wie die Welt eine bessere sein kann.“

Mit positiven Gefühlen verabschieden wir uns von der HTW Berlin und wünschen viel Erfolg bei den weiteren Schritten. Wir werden sicherlich immer mal wieder in Berlin in unmittelbarer Nachbarschaft zur Thinkfarm, dem Sitz unseres Projektteams, vorbeischauen.

Diskutanten und Diskutantinnen:

  • Claas Cordes, Kanzler HTW Berlin
  • Prof. Sebastian Feucht, Professur für Industrial Design, Leiter des Schwerpunktes Sustainability – Material und Technologie
  • Anni Birkholz, einleuchtend
  • Josef Kaiser, Vorstand netzwerk n, studentische Initiative Nachhaltigkeitsbüro an der HU Berlin
  • … und alle Anwesenden

Moderation: Dr. Michael Flohr, netzwerk n e.V.

Eine Antwort hinterlassen