perspektive n an der Universität Greifswald

Zwischen finanziellen Nöten und dem Willen zur nachhaltigen Entwicklung

Am 18. Mai fuhren gleich vier netzwerk n-Engagierte bei strahlendem Sonnenschein und fast sommerlicher Urlaubsstimmung an die Ostseeküste. Die bereits dritte perspektive n  des Sommersemesters führte uns an die Universität Greifswald. Dr. Tiemo Timmermann, der Nachhaltigkeitsbeauftragte der Universität, war mit einer kleinen engagierten Studi-Gruppe auf unserer konferenz n³  im vergangenen Dezember in Berlin zu Gast und begeisterte sich dafür, unsere Veranstaltungsreihe in die Vortragsreihe „Nachhaltigkeit interdisziplinär. Ein Blick voraus“ aufzunehmen, um Impulse für mehr Nachhaltigkeit an seiner Hochschule und einen engeren statusgruppenübergreifenden Dialog zu setzen.

Der Titel „Den Horizont im Blick – Ist unsere Universität zukunftsfähig?“ bot reichlich zur Transformation passende Assoziationen: zur Ferne, zum sehnsuchts- und hoffnungsbeladenen Weitblick auf das Meer, zum unbändigen Veränderungswillen und zur unerschöpflichen Entdeckerfreude; einige dieser Motive, die zum Suchprozess der nachhaltigen Entwicklung gehören, verarbeitete auch der in Greifswald geborene und wirkende Romantiker Caspar David Friedrich in seinen melancholisch-sinnierenden Stimmungsbildern. Eine weitere Inspirationsquelle für den Gedanken der Nachhaltigkeit liefern die großen Waldgebiete, die die Uni seit ihrer Gründung 1456 besitzt und unterhält; denn schließlich begründete der Oberberghauptmann Hans Carl von Carlowitz mit seinem 1713 erschienen Buch Sylvicultura Oeconomica die Idee der Nachhaltigkeit anhand des nachhaltenden Haushaltens in der Forstwirtschaft.

In der Diskussion ergaben sich zwei Schwerpunkte: zum einen der Betrieb, was bereits die Besetzung des Podiums erahnen ließ, und zum anderen Strukturen bzw. die Nachhaltigkeits-Governance. Im Leitbild der Hochschule ist seit einigen Jahren das Ziel der CO2-Neutralität verankert – ein Ziel, dass gegenwärtig nicht die größte Priorität genießt und (noch) nicht mit einem Zeitpunkt zur Zielerreichung verbunden ist. Dies ist der schwierigen finanziellen Lage und dem Alltagsgeschäft geschuldet, denen sich die Nachhaltigkeitsambitionen im Moment unterordnen müssen. Die Bemühungen zur Implementierung eines Umweltmanagementsystems nach EMAS scheiterten beispielsweise vor wenigen Jahren, weil eine Stelle nur befristet vorgesehen war. Da jedem Scheitern ein Anfang innewohnt, plant Tiemo Timmermann über ein derzeit im Aufbau befindliches Energiemanagementsystem einen neuen Anlauf für ein systematisches Umweltmanagementsystem – hoffentlich mit engagierter Unterstützung der Uni-Leitung. Claas Cordes, Kanzler der HTW Berlin und ehemals der Hochschule für Nachhaltige Entwicklung Eberswalde (HNEE), berichtete enthusiastisch von der inspirierenden und motivierenden Kraft, die ein solcher Prozess für die Organisation Hochschule entfalten kann: „Die Einführung eines Nachhaltigkeits- oder Umweltmanagements an Hochschulen birgt den größten Impact an ungeahnten Stellen. Insofern sollten Hochschulen offen sein für Überraschungen.“ Insbesondere wiesen Cordes und Johannes Geibel auf das hilfreiche Zusammenspiel zwischen Studierenden, wissenschaftlich Beschäftigten und Verwaltung hin – sei es im Betrieb, in der Lehre, in der Forschung oder in der Governance. Johannes ermunterte die Handelnden der Universität Greifswald zudem, verstärkt Möglichkeiten zu schaffen, damit sich Studierende aktiv in den Nachhaltigkeitsprozess einbringen können. „Räume schaffen“ heißt hier das Zauberwort – physisch, zeitlich und finanziell. Denn wenn es der Hochschule gelänge, den Nachhaltigkeitsinteressierten und Veränderungsbegeisterten Räume für Engagement zu geben und dieses dadurch zu wertschätzen, könnte die Universität Greifswald viel weiter sein.

Insgesamt zeigte die Diskussion, dass an der Hochschule bereits ein gutes Fundament an Strukturen wie eine an den Senat angegliederte Nachhaltigkeitskommission, ein Nachhaltigkeitsbeauftragter, ein sich monatlich statusgruppenübergreifend treffendes Forum Nachhaltigkeit und ein AStA-Referat Nachhaltigkeit und Umweltpolitik besteht. Eine deutlich größere Schubkraft könnte sich jedoch entwickeln, wenn die Vernetzung aller Nachhaltigkeitsengagierten sowie die Verzahnung und finanzielle und personelle Ausstattung der bestehenden Strukturen verbessert sichergestellt werden würde. Zudem war zu merken, dass die ökonomische Betrachtung von Nachhaltigkeit und finanzielle Zwänge für die Hochschulleitung handlungsleitend sind. Ein Student adressierte daher an alle Anwesenden das beherzte Plädoyer, nicht geldgetrieben zu handeln und zu diskutieren; Nachhaltigkeit sei vielmehr eine Frage des Willens und müsse eine notwendige Priorität der Hochschule sein.

Im Anschluss an die Veranstaltung ergaben sich bei ein paar Getränken und Brezeln sowie bei sommerlichen Temperaturen unter freiem Himmel im Hafen der Stadt noch bereichernde und inspirierende Gespräche zwischen den Diskutant_innen und weiteren Teilnehmer_innen. Wir sind gespannt auf die weitere Entwicklung an der Universität Greifswald und wünschen viel Erfolg bei der Transformation!

Die Podiumsbesetzung:

  • Claas Cordes, Kanzler HTW Berlin und ehemals HNE Eberswald
  • Joachim Müller, HIS-Institut für Hochschulentwicklung
  • Wolfgang Flieger, Kanzler Universität Greifswald
  • Dr. Volker Beckmann, Lehrstuhl für Allgemeine VWL und Landschaftsökonomie
  • Xenia Valero-Schönhöft, ehemalige AStA-Co-Referentin für Umweltpolitik und Nachhaltigkeit
  • Johannes Geibel, netzwerk n e.V., Nationale Plattform Weltaktionsprogramm BNE
  • Michael Flohr, netzwerk n e.V.

 

 

P.S.: Alle Berichte zu den vergangenen Veranstaltungen findest Du auf unserer Seite zur perspektive n.

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