Ethical Reflection on Food & Agriculture

Universität Hohenheim / Universität Tübingen

Das interdisziplinäre Modul Ethical Reflection on Food and Agriculture möchte einen Raum schaffen, in dem Studierende ethisch relevante Themen der Ernährungs- und Agrarwissenschaft und der Wirtschaft identifizieren, über sie reflektieren und debattieren können, wobei zeitgleich die hierfür erforderlichen Kenntnisse und Fähigkeiten vermittelt werden.

Durch Gruppenarbeit, Gespräche mit geladenen Gästen, und durch das Führen eines Lerntagebuchs werden in dem wöchentlich stattfindenden semesterbegleitenden Seminar-Grundlagen und Anwendungen von ethischen Theorien sowie Methoden ethischer Reflexion erlernt. Der partizipative Charakter wird durch die Initiator_innen und dem Mitwirken des Student_innen- Vereins Food Revitalization and Eco-Gastronomic Society of Hohenheim (F.R.E.S.H. e.V.) sowie dem Beitrag von Studierenden bei der Auswahl der Themen und Gästen deutlich. Auch bei der kontinuierlichen Weiterentwicklung des Moduls ist die Rückmeldung der Teilnehmenden ausschlaggebend.

Seit 2010 wird das englischsprachige Ethik-Modul für Studierende der Agrarwissenschaften und verwandter Disziplinen jedes Wintersemester an der Universität Hohenheim angeboten. Anfangs unter dem Namen „Ethics of Food and Nutrition Security“ und seit dem Wintersemester 2015/16 als „Ethical Reflection on Food and Agriculture“. Initiiert wurde dieses innovative, interdisziplinäre Lehr- und Lernkonzept vom gemeinnützigen Student_innen-Verein F.R.E.S.H. e.V., nachdem im Jahr 2008 der Weltagrarbericht veröffentlicht wurde. Seine Botschaft – „business as usual is no longer an option“ – wurde an der Universität Hohenheim während eines von F.R.E.S.H e.V. organisierten Symposiums kontrovers diskutiert. Auf diesem Symposium wurde mehrfach der Bedarf nach zeitlichen und räumlichen Strukturen innerhalb des formellen Lehrplans der Fakultät Agrarwissenschaften festgestellt, die eine ethische Reflexion und Diskussion über die im Weltagrarbericht angesprochenen Themen ermöglichen würden. Die Vision des Moduls konnte F.R.E.S.H. e.V. in enger Zusammenarbeit mit dem Fachgebiet Gender und Ernährung (im Sommersemester 2015 abgelöst vom Fachgebiet Gesellschaftliche Transformation und Landwirtschaft) und dem Prorektor für Lehre der Universität Hohenheim sowie dem Ethikzentrum der Universität Tübingen in die Praxis umsetzen. Ausgezeichnet als offizielles Projekt der UN-Dekade „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ 2012/13, setzen sich die beteiligten Partner_innen seit dem Wintersemester 2010/11 aus dem Fachgebiet 430b der Universität Hohenheim (Fachgebiet Gender und Ernährung bis WiSe 2014/15 bzw. Fachgebiet Gesellschaftliche Transformation und Landwirtschaft seit SoSe 2015), dem Zentrum für Ethik in den Wissenschaften (IZEW) an der Universität Tübingen und dem F.R.E.S.H. e.V. zusammen.

Das Seminar verfolgt das Ziel, junge Wissenschaftler_innen mit einer soliden Grundlage in interdisziplinärer Ethik auszustatten, bestehend aus Grundkenntnissen ethischer Theorie und Argumentation sowie der Anwendung von Werkzeugen zur Identifikation und Analyse möglicher Auswirkungen von Design und Governance von Ernährungs- und Agrarsystemen.

Inhaltlich ist das Modul in zwei Blöcke unterteilt:

1. Ethical Theory and Argumentation

Ein_e Expert_in (IZEW, Universität Tübingen) sensibilisiert die Teilnehmenden systematisch für anwendungsbezogene ethische Fragestellungen und vermittelt ihnen Grundlagen ethischer Theorien und Argumentation. Anschließend werden Struktur und Anwendungsmöglichkeiten einiger Werkzeuge für ethische Analyse (insb. die „Ethische Matrix“ nach Ben Mepham) erläutert. Während dieses Abschnitts werden Leitfragen als Hilfestellung für das Führen des Lerntagebuchs bereitgestellt.

2. Practicing Ethical Analysis and Argumentation

Die Teilnehmenden üben sich in der Anwendung des erworbenen Wissens in Gruppenarbeiten zu zwei Themenbereichen sowie anhand von Diskussionen mit wechselnden Gastdozent_innen zu diesen und weiteren Themen. Dabei geht es um konkrete Praxisbeispiele wie etwa Nahrungsmittelhilfe, gentechnisch modifizierte Organismen, Biokraftstoffe, oder auch unternehmerische Corporate Social Responsibility. Die Gastdozent_innen vertreten nach Möglichkeit verschiedene Sektoren aus Wissenschaft und Praxis. Während dieses zweiten Abschnittes führen die Teilnehmenden weiterhin ihre Lerntagebücher, können jedoch bestimmte Themen auswählen, über die sie reflektieren möchten.

Ein maßgeblicher Erfolg ist, dass dieses Seminar, das aus Initiative der Studierenden geboren wurde, seinen Weg in den formellen Lehrplan gemeistert hat und nach der erfolgten Ablösung des Fachgebiets Gender und Ernährung durch das neu geschaffene Fachgebiet Gesellschaftliche Transformation und Landwirtschaft weitergeführt wird. In der zurückliegenden Zeitspanne (WS 2010/11 bis WS 2015/16) haben ca. 90 Teilnehmer_innen das Seminar erfolgreich abgeschlossen.

Bisher hat das Seminar rundweg positives Feedback der Teilnehmenden erhalten. Hauptsächlicher Gegenstand von Verbesserungsvorschlägen aus den Feedbackrunden war eine stärkere Verzahnung der Theorie- und Praxisblöcke. Trotz des derzeit gegebenen institutionellen Rahmens (geografisch getrennte Akteure), der die Anwesenheit von Ethik-Expert_innen in jeder Seminarsitzung nicht erlaubt, konnte die Struktur des Moduls im Hinblick auf das Erreichen der Lernziele durch das Einbauen von Gruppenarbeit stark verbessert werden. Die Fragen „Do you feel more capable to see, articulate and analyse ethical dimensions of issues of food and nutrition?“ und „Do you feel more capable to to relate your studies to the ethical questions they raise?“ wurden nach Ablauf des WS 2010/11 im Durchschnitt mit 2,21 bzw. 1,93 und nach WS 2013/14 mit 1,41 bzw. 1,29 bewertet (1 = „yes, a lot“; 5 = „not at all“). Mittlerweile ist die Design- und Etablierungsphase des Projekts abgeschlossen und es steht eine ausgereifte Struktur zur Verfügung, die es erlaubt, das Seminar auf einer bewährten und hochwertigen Basis weiterzuführen. Kleinere Anpassungen erfolgen auf Basis der Evaluationsergebnisse.

Die Relevanz dieser Initiative wurde unterstrichen durch die Auszeichnung von F.R.E.S.H. e.V. als offizielles Projekt der UN-Dekade „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ 2012/13. Zu den weiteren Erfolgen des Seminars zählten wissenschaftliche Publikationen zur Entstehung und Struktur des Moduls, aber auch über eine Methode zur Evaluation ethischer Analysefähigkeiten, das am IZEW entwickelt und in den ersten Modulzyklen getestet werden konnte (siehe „Publikationen“).

Die wichtigsten Meilensteine, die zur Entstehung und Weiterführung des Moduls geführt haben, sind:

April 2008: Veröffentlichung des Weltagrarberichts – Bewertung der weltweiten Agrarsysteme; Transformation der agrarwissenschaftlichen Forschung und Bildung

Januar 2009: Auszeichnung von F.R.E.S.H. e.V. mit dem zweiten Preis beim studentischen Ideenwettbewerb der Universität Hohenheim zur Verwendung von Studiengebühren

Mai 2009: Zusage der Unterstützung des Fachgebiets Gender und Ernährung sowie des Prorektors für Lehre; Antrag auf Zuteilung der Qualitätssicherungsmittel durch die Fakultät Agrarwissenschaften; zusätzliche finanzielle Unterstützung von der Stiftung fiat panis und dem Food Security Center der Universität Hohenheim

September 2009: Symposium zum Weltagrarbericht an der Universität Hohenheim, organisiert durch F.R.E.S.H. e.V.. Unabhängig voneinander wurde in allen vier Workshops des Symposiums zu den verschiedenen Themen des Weltagrarberichts das Fehlen einer kritischen Auseinandersetzung mit den Studieninhalten als Problem angesehen.

Dezember 2009: Symposium zu Ethik in der internationalen Ernährungssicherung an der Universität Hohenheim, organisiert durch F.R.E.S.H. e.V.

Juni 2010: Start-up Workshop – Einbindung der fachlichen Expertise des Internationalen Zentrums für Ethik in den Wissenschaften der Universität Tübingen und Zuweisung von Studiengebühren und Qualitätssicherungsmitteln durch die Fakultät Agrarwissenschaften der Universität Hohenheim zur Durchführung des Moduls

April 2015: Zusage der Unterstützung des neu geschaffenen Fachgebiets Gesellschaftliche Transformation und Landwirtschaft der Universität Hohenheim zur Weiterführung des Moduls

Folgende Herausforderungen entstanden während der Implementierung:

  • Finanzierung: In der Startphase mussten die zur Durchführung notwendigen Mittel, durch aufwendige Akquisetätigkeiten eingeworben werden. Nach einer Phase größerer Stabilität steht mit der Umstrukturierung bzw. dem Wegfall der bisher genutzten Qualitätssicherungsmittel an der Universität Hohenheim nun wieder die Frage im Raum, ob und wie das Modul finanziert werden kann.
  • Etablierung von dauerhaft tragfähigen Strukturen: Es gibt bei den beteiligten Partner_innen immer wieder Wechsel (z. B. inhaltliche Neuausrichtung und personelle Neubesetzung des Fachgebiets 430b an der Universität Hohenheim, ständiger Generationenwechsel innerhalb der studentischen Initiative F.R.E.S.H. e.V.); dies wirkte sich bisher zwar nicht negativ auf das Projekt aus, ist aber sicherlich als potenzielle Schwachstelle zu sehen
  • Institutionalisierung der Kooperation mit dem IZEW in Tübingen, z. B. über einen Kooperationsvertrag, konnte bisher noch nicht umgesetzt werden
  • Didaktische und inhaltliche Etablierung des Moduls ist ein komplexer Prozess des Erprobens und Revidierens über mehrere Jahre hinweg, da die inter- und transdisziplinäre Verknüpfung von Themen und Akteuren Neuland darstellte

Das Modul wird sowohl von den Studierenden, den Professor_innen als auch von der Universitätsleitung sehr gut angenommen. Die ausführliche Evaluation der Teilnehmenden zeigt den deutlichen Bedarf und das Interesse für den Schwerpunkt des Moduls. Besonders die Vielfältigkeit der Themen, die Erfahrungsberichte und Expertise von externen Referent_innen als auch die enge Zusammenarbeit mit den Modulkoordinator_innen und zwischen den Studierenden sind sehr beliebt, erfordern jedoch ein hohes Niveau und Arbeitspensum. Die Qualität der Referent_innen war durchweg gut bis sehr gut, wobei auch das Feedback der eingeladenen Expert_innen stets sehr positiv war. Bis heute gibt es nur wenig Module, die Ethik mit Agrarwissenschaften verknüpfen und beide Fachrichtungen in einem multidisziplinären Rahmen stellen, obwohl das Interesse und der Bedarf hierfür sehr groß sind.

Kernprinzipien

  • Interaktives Lehr- und Lernkonzept
  • Modulinhalt wird maßgeblich von Interdisziplinarität und Internationalität der Teilnehmenden bestimmt sowie durch die Vielzahl an Gastredner_innen gestaltet
  • Frühzeitige Einbindung der studentischen Interessen durch aktive Mitwirkung der Studierenden an jährlicher Themenwahl
  • Englischsprachiges Seminar richtet sich hauptsächlich an Studierende der internationalen Masterstudiengänge der Fakultät Agrarwissenschaften an der Universität Hohenheim, ist aber auch offen für Bachelor und Doktoranden aller Studiengänge/Fakultäten
  • Sechs ECTS Wahlmodul; wird als Seminar semesterbegleitend mit vier SWS angeboten
  • Benotung setzt sich zusammen aus: 30 % Gruppenarbeit und 70 % aus dem geführten Lerntagebuch

weiterführende Informationen

Ethical Reflection on Food and Agriculture im Modulkatalog

F.R.E.S.H e.V.

Fg. Gesellschaftliche Transformation und Landwirtschaft

Internationalen Zentrum für Ethik in den Wissenschaften (IZEW)

Weiteres Material

NUNEZ BURBANO DE LARA, M.D.; LEMKE, S.; POTTHAST, T. (2015). Teaching interdisciplinary ethics as interactive process: advancing the Hohenheim-Tübingen model, in Dumitras, D.E.; Jitea, I.M.; Aerts, S. (eds.) Know your food: Food ethics and innovation. Wageningen Academic Publishers.

DIETRICH, J.; LUTZ, R.; HILSCHER, M.; MANOHARAN, D.; MATUTE GIRON, I.; MAUSER, J.; SCHWEIZER, S.; BELLOWS, A.C. (2012). The ethical matrix as an instrument for teaching and evaluation, in: Potthast ,T.; Maisch, S. (eds.). Climate change and sustainable development: Ethical perspectives on land use and food production. Wageningen Academic Publishers.

HILSCHER, M.; MANOHARAN, D.; SCHWEIZER, S.; BIRKENBERG, A.; GEORGIADIS, P.; SCHUMACHER, J.; DIETRICH, J.; BELLOWS, A.C. (2011). “Ethics in agricultural sciences: Development and implementation in the universitys curricula.” Tropentag 2011, Universität Hohenheim.

Kontakt

Institution: Universität Hohenheim (Fachgebiet Gesellschaftliche Transformation und Landwirtschaft) in Zusammenarbeit dem Internationalen Zentrum für Ethik in den Wissenschaften (IZEW) der Universität Tübingen und dem Student_innen-Verein F.R.E.S.H. e.V. der Universität Hohenheim.
Bereich: Lehre
Initiator_innen: Mitglieder des Student_innen-Vereins F.R.E.S.H. e.V.
Ansprechpartnerinnen: Prof. Dr. Claudia Bieling, Universität Hohenheim
+49 (0)711 45 92 40 29
claudia.bieling[at]uni-hohenheim.de
Silke Grünewald, F.R.E.S.H. e.V., Universität Hohenheim
+49 (0)176 38 47 63 29
silke-gr[at]uni-hohenheim.de

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