perspektive n an der Zeppelin Universität in Friedrichshafen

Eine private Universität mit großem Potential

Am 12. April begann die Sommersemester-Tour der perspektive n an der Zeppelin Universität (ZU) in Friedrichshafen: die erste von insgesamt acht Stationen. Während EEE den meisten Hochschulen das Semester gerade erst beginnt, beschloss unsere Veranstaltung die Vorlesungs- und Seminarzeit in Friedrichshafen. Die ZU ist eine private Stiftungsuniversität mit ca. 1.250 Studierenden, engem Betreuungsverhältnis, durchgängig auf vier Jahre ausgedehnten Bachelorstudiengängen und ambitionierter Mission, deren Worte akademische Freiheit, Selbstreflexion, Problem- und Lösungsorientierung an den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts, Handlungswissen und Interdisziplinarität versprühen. Die malerische Lage am Ufer des Bodensees inmitten einer blühenden und sprießenden Natur und die architektonisch und ästhetisch ansprechenden Gebäude komplettierten ein vielversprechendes Bild einer Hochschule, die sich auf den Weg gemacht hat in Richtung nachhaltige Entwicklung – oder regiert doch (nur) der Schein?

Gleich zwei Präsidiumsmitglieder stellten sich der Debatte: Vizepräsident Prof. Dr Helmut Willke – Inhaber des Lehrstuhls für Global Governance – und Kanzler Matthias Schmolz – langjährig in leitender Stellung beim SPIEGEL. Ein überaus positives Signal, jedoch kristallisierte sich heraus, dass Helmut Willke zwar ein Nachhaltigkeitsverständnis der globalen Perspektive und der intergenerationellen Gerechtigkeit vertritt, aber nachhaltige Entwicklung als Leitbild der Universität ablehnt, da man eine Priorisierung nicht vorgeben könne und jedem Einzelnen überlassen solle. Matthias Schmolz auf der anderen Seite orientiert sein Verwaltungs- und Betriebshandeln an der Wirtschaftlichkeit, d.h. Nachhaltigkeit spielt für ihn größtenteils erst eine Rolle, wenn es sich betriebswirtschaftlich rechnet. Diese beiden Positionen offenbarten einen wahrlichen Konflikt, der bei der übergroßen Mehrheit der Studierenden und Doktorand_innen im Raum Unbehagen und Widerspruch auslöste. Dass dieser Konflikt transparent gemacht und debattiert wurde, kann als Erfolg des Abends gewertet werden. Neben den beiden Präsidiumsmitgliedern bereicherte Dr. Thomas Pfister, Leiter der Nachwuchsforschergruppe Energy Cultures und nach eigener Aussage einer der wenigen Nachhaltigkeitsforscher der Universität, das „Podium“. Er weist darauf hin, dass die ZU eine gemeinnützige Einrichtung ist, womit automatisch der Anspruch verbunden ist, in die Gesellschaft und in die Region zu wirken; Nachhaltigkeit sollte daher ein wichtiges Thema sein. Überdies problematisiert er, dass Nachhaltigkeit im Mainstream angekommen ist und niemand dagegen ist, aber nur eine Minderheit bereit ist, sich mit den unangenehmen und schwierigen Konflikten der Umsetzung zu beschäftigen.

Wie der Stand der nachhaltigen Entwicklung an der ZU beurteilt wird, zeigte zum einen das einheitliche Bild einer Farbkarten-Abstimmung unter den Anwesenden: Nahezu allen wählten die Option „Das Potential ist auf jeden Fall vorhanden“ – ein Hinweis auf die erfolgsversprechenden Rahmenbedingungen, aber die bislang mangelnde Umsetzung. Zum anderen bestätigte auch eine kleine Umfrage der Studierendeninitiative Rework dieses Bild, ergänzt um die Botschaft, dass mehrheitlich der Wunsch besteht, dass die Uni sich viel aktiver im Bereich Nachhaltigkeit aufstellen soll. Ein Student ermutigte die Präsidiumsmitglieder, Nachhaltigkeit als profilbildend für die Uni zu positionieren, da dies ein zunehmend wichtigeres Entscheidungskriterium für junge Menschen bei der Auswahl eines Studienortes sei. Die Beiträge der Anwesenden verdeutlichten insgesamt, dass das studentische Engagement eine große Stärke der Uni ist, allerdings zwei Pole um Aufmerksamkeit ringen: eine kleine Gruppe möchte die Uni vor dem Leitbild der nachhaltigen Entwicklung transformieren, eine deutlich größere Gruppe konzentriert sich auf Employability und Karriereorientierung.

Weitere inhaltliche Schwerpunkte der Diskussion waren betriebliche Aspekte, die Lehre und die Strukturbildung. In der Mensa gibt es bereits ein regionales Angebot, allerdings sei Bio zu teuer, so Matthias Schmolz. Er äußerte sich dagegen offen zum einen für ein Umweltmanagementsystem nach EMAS, das ihm zuvor noch nicht bekannt war, und zum anderen für eine Regelung, die den Müll an To-Go-Bechern reduziert – Rework machte bereits vor einigen Wochen mit einer Kunstaktion darauf aufmerksam; auch im Forum unserer plattform n wurde dieses Thema letztes Jahr breit diskutiert. In der Lehre stieß die Umsetzung einer allgemeinen Schlüsselqualifikation mit dezidiertem Nachhaltigkeitsbezug oder eines Studium Oecologicum (siehe unsere Best-Practice-Sammlung) bei Helmut Willke – wegen des oben genannten Konflikts der Priorisierung – auf Ablehnung. Im Bereich der Governance sprachen wir über das Green-Office-Modell, dass seit wenigen Monaten von Rework angegangen wird. Die Prozesse laufen und alle interessierten Personen werden derzeit zusammengebracht. Wir hoffen, dass sich dieses Nachhaltigkeitsbüro als Anlaufpunkt für Themen der nachhaltigen Entwicklung und als Austauschplattform recht bald umsetzen lässt.

Einen riesen Dank an die studentische Hochschulgruppe Rework, die binnen eines Monats die Veranstaltung kurzfristig auf die Beine gestellt hat. Die perspektive n machte mal wieder deutlich, wie wichtig statusgruppenübergreifende Kommunikation ist – Matthias Schmolz hatte beispielsweise zuvor noch nichts von den Wünschen der Studierenden bezüglich einer nachhaltigen Entwicklung vernommen. Letztlich war es ein gelungener Abend, der Konflikte transparent gemacht hat und Impulse für weitere Gespräche gelegt hat.

Wir wünschen Rework und allen Engagierten viel Erfolg und freuen uns auf den weiteren Austausch!

Die Podiumsbesetzung:

  • Prof. Dr. Helmut Willke: Vizepräsident Forschung der Zeppelin Universität, Lehrstuhl für Global Governance
  • Matthias Schmolz: Kanzler der Zeppelin Universität
  • Dr. Thomas Pfister: Leiter Nachwuchsforschergruppe Energy Cultures
  • Johannes Geibel & Michael Flohr vom netzwerk n e.V.

Nachhaltigkeitsverständnis der Diskutanten:

Matthias Schmolz:

„Der Begriff der Nachhaltigkeit zielt auf ein langfristiges, dynamisches ökologisches Gleichgewicht. Dazu leistet die Verwaltung der ZU in vielen Bereichen im Rahmen des wirtschaftlich Begründbaren einen Beitrag.“

Helmut Wilke:

Nachhaltigkeit heißt, Ökonomie und Ökologie innerhalb des politischen Rahmens der Demokratie so in Balance zu halten, dass zukünftige Generationen nicht schlechter gestellt sind als wir. Kritische Ressource dazu ist weder eine naive Kapitalismuskritik noch eine idealistische Öko-Ideologie, sondern ein vertieftes Verständnis der Stärken und Schwächen demokratischer Entscheidungsverfahren.“

Thomas Pfister:

Was genau ‘nachhaltig’ ist, ist immer zu einem großen Teil ungewiss, ambivalent und umstritten. Nachhaltige Entwicklung ist daher ein fortdauernder Suchprozess in dem Forschung und Universitäten eine wichtige Vermittlerrolle zukommt.

 

P.S.: Alle Berichte zu den vergangenen Veranstaltungen findest Du auf unserer Seite zur perspektive n

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