Lehre

Was muss sich in der Lehre verändern?

Nachhaltige Entwicklung und Hochschullehre – wie geht das zusammen? An dieser Stelle soll konzeptionell nicht das große Fass aufgemacht werden – wohl aber allen interessierten Leser_innen ein kompakter Einblick in die bestehende Literatur gegeben werden. Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) ist hier der Schlüsselbegriff, welchem trotz unterschiedlicher theoretischer Zugänge die Dualität von Inhalt und Methodik inhärent ist.

Prof. Gerhard de Haan, Erziehungswissenschaftler an der Freien Universität Berlin, prägt mit dem Konzept der Gestaltungskompetenz stark die Debatte über BNE[1]. In Anlehnung an das Kompetenzmodell der OECD skizziert de Haan zwölf Kompetenzen, welcher es bedarf, um zu einer nachhaltigen Entwicklung selbst beitragen zu können.

Einen etwas anderen Zugang wählen Prof. Armin Wiek und Kolleg_innen in ihrem Rahmenwerk für eine BNE im akademischen Bereich[2]. Aufbauend auf einer umfangreichen Überblicksstudie synthetisieren sie fünf aus ihrer Sicht relevante Kompetenzen: Kompetenz zum systemischen Denken, antizipatorische Kompetenz, normative Kompetenz, Kompetenz zum strategischen Denken (und Handeln) sowie Kompetenz zur interpersonellen Zusammenarbeit.

Eine weitere Perspektive nehmen Prof. Uwe Schneidewind und Dr. Mandy Singer-Brodowski ein[3]. In ihrem Überblickswerk zur transformativen Wissenschaft in der Bundesrepublik argumentieren die Autor_innen, dass es neben der aktuell im Fokus stehenden Vermittlung von Systemwissen stärker um das Erlernen von Ziel- und Transformationswissen gehen muss. Als erster Überblick soll dies reichen; Hinweise zu weiterführender Lektüre finden sich weiter unten[4].

Bildung für nachhaltige Entwicklung lässt sich auf unterschiedlichste Weise in die akademische Lehre integrieren – davon legen die hier vorgestellten Beispiele des Gelingens eindrucksvoll Zeugnis ab. Von Studierenden initiiert ist das Studium Oecologicum an der Universität Tübingen ein inter- und transdisziplinäres Lernprogramm mit mittlerweile gut 25 Kursen jedes Semester und im überfakultativen Bereich angesiedelt. Das Modul Wissenschaft trägt Verantwortung (Leuphana Universität Lüneburg) ist Teil des Leuphana-Semesters und bietet Studierenden über Vorlesungsreihen, Tutorien, Projektseminare und eine Konferenzwoche einen vielfältigen Zugang zur nachhaltigen Entwicklung. Bei den Projektwerkstätten und den tu projects (Technische Universität Berlin) steht das selbstbestimmte, studentische Lernen im Zentrum – Studierende bearbeiten über zwei Jahre in eigener Verantwortung ein Thema und die Teilnahme der Studierenden wird mit Credit Points vergütet. Ähnlich selbstbestimmt organisiert die Umweltinitiative (Technische Universität Dresden) bereits seit mehreren Jahren jedes Semester drei bis vier Umweltringvorlesungen zu unterschiedlichen Themen nachhaltiger Entwicklung. Ebenso von Studierenden konzipiert und durchgeführt ist das Allgemeine Schlüsselqualifikation Nachhaltgkeit-Modul (Universität Halle-Wittenberg), welches BNE durch Vorlesungen und Projektseminare vermittelt und Teil des Lehrangebots der Universität ist. Analoges geschieht auch an der Universität Erfurt: das Studium Fundamentale Nachhaltigkeit ist ein von Studierenden selbstorganisiertes Seminar mit dem Ziel, Studierenden eine praktische Auseinandersetzung mit dem Konzept nachhaltiger Entwicklung zu ermöglichen – thematisch einführende Ringvorlesungen und mit Praxispartner_innen durchgeführte Projekte bilden den Kern. Für die Week of Links (Universität Tübingen) haben sich mehrere Studierendeninitiativen zusammengeschlossen, um Studienanfänger_innen noch vor der ersten Vorlesung über eine Woche hinweg für Themen nachhaltiger Entwicklung zu sensibilisieren.

Die SchülerUni (Freie Universität Berlin) wirkt auf einer anderen Ebene – sie bringt Schüler_innen und Lehrer_innen zweimal im Jahr an die Universität und vermittelt Nachhaltigkeit und Klimaschutz durch unterschiedlichste Bildungsformate. Das Projektseminar Nachhaltigkeit Lehren Lernen (Pädagogische Hochschule Heidelberg und Universität Heidelberg) bringt ebenso BNE in die Schule – Lehramtskandidat_innen werden zu Nachhaltigkeits-Coaches ausgebildet und wenden ihre neu erlernten Kompetenzen gleich in schulischen Lehr- oder Projekteinheiten an den Partnerschulen an. Bei Zukunft Gestalten@HM (Hochschule München) steht der Nexus „Hochschule – Stadt“ im Vordergrund. Das transdisziplinäre Lehrformat bringt Wissenschaftler_innen und Studierende mit Partner_innen aus Gesellschaft, Politik und Wirtschaft zusammen, um konkrete Beiträge zur nachhaltigen Entwicklung auf lokaler Ebene zu leisten; zuletzt zum Thema des Wissenschaftsjahres 2015 „Zukunftsstadt“.

Das Sustainicum I (BOKU Wien) ist eine einzelne Lehrveranstaltung, bei der es darum geht, Nachhaltigkeit mittels erfahrungsorientiertem Lernen begreifbar zu machen. Das Modul Ethical Reflection on Food and Agriculture (Universität Hohenheim) ermöglicht eine vertiefte ethische Auseinandersetzung mit Themen der Ernährungs- und Agrarwissenschaft und -wirtschaft und zeigt dadurch exemplarisch, wie sich BNE in die jeweiligen Studienfächer integrieren lässt.

Mit den Blended-Learning-Angeboten für BNE (Virtuelle Akademie Nachhaltigkeit, Universität Bremen) werden zudem Lernarrangements präsentiert, die virtuelles Lehren mit Präsenz-Lernen kombinieren. Zu guter Letzt: die Sustainability Challenge vier großer Wiener Universitäten vermittelt BNE durch das Format des Service Learnings (gemeinsame Projekte mit außeruniversitären Partner_innen) und die Auseinandersetzung mit dem Thema Social Entrepreneurship.

[1] De Haan (2006): The BLK “21” programme in Germany: a “Gestaltungskompetenz”-based model for education for sustainable development, Environmental Education Research, 1: 19-32

[2] Wiek, Withycombe und Redman (2011): Key competencies in sustainability: a reference framework for academic program development. Sustainability science, 6(2), 203-218

[3] Schneidewind und Singer-Brodowski (2013): Transformative Wissenschaft. Klimawandel im deutschen Wissenschafts-und Hochschulsystem (69-76). Metropolis-Verlag: Marburg.

[4] Vgl. u.a. (1) Barth, Michelsen, Rieckmann und Thomas (Eds.) (2015): Handbook of Higher Education for Sustainable Development. Routledge, London; (2) Stoltenberg und Burandt (2014): Bildung für eine nachhaltige Entwicklung. In Nachhaltigkeitswissenschaftn (567-594). Springer: Berlin Heidelberg. (3) Buckler und Creech (2014): Shaping the future we want: UN Decade of Education for Sustainable Development; final report. UNESCO.

Stöbere in den Beispielen des Gelingens aus dem Bereich Lehre

Studium Oecologicum
Studium Oecologicum
Modul: Wissenschaft trägt Verantwortung
Modul: Wissenschaft trägt Verantwortung
tu projects und Projektwerkstätten
tu projects und Projektwerkstätten
Umweltringvorlesung
Umweltringvorlesung
Allgemeine Schlüsselqualifikation Nachhaltigkeit
Allgemeine Schlüsselqualifikation Nachhaltigkeit
Week of Links
Week of Links
SchülerUni Nachhaltigkeit + Klimaschutz Lernen
SchülerUni Nachhaltigkeit + Klimaschutz Lernen
Projektseminar Nachhaltigkeit Lehren Lernen
Projektseminar Nachhaltigkeit Lehren Lernen

Die Best-Practice-Sammlung ist Teil des Projektes „Zukunftsfähige Hochschulen gestalten“, mit welchem wir studentisches Engagement für Hochschulen in nachhaltiger Entwicklung umfangreich unterstützen und fördern können. Nach einem ersten, erfolgreichen Pilotjahr geht es nun weiter – mit einem weiterentwickelten, noch besseren Konzept, viele Erfahrungen und einer intensiveren Betreuung der teilnehmenden Gruppen. Durchgeführt wird dieses Projekt vom netzwerk n e.V., und koordiniert von Verena Salomon, Johannes Geibel, Jana Holz und Lisa Weinhold. Finanziell gefördert wird dieses Projekt durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF).