© Uni Halle / Markus Scholz

Bildung für nachhaltige Entwicklung in der Lehrer_innenbildung in Sachsen-Anhalt

Die Stimmen der Vernunft verhallen noch bei manchen Entscheider_innen, aber die Notwendigkeit revolutionärer Veränderungen im Bildungswesen stützt sich auf einen wachsenden Konsens

Die Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg hat in diesem Jahr einige Gründe zum Feiern: das 500-jährige Reformationsjubiläum, den 200sten Jahrestag des Zusammenschlusses mit Wittenberg und das 10-jährige Bestehen des Zentrums für Lehrerbildung. Letzteres wurde mit einem Festakt in der gut gefüllten Aula des Löwengebäudes – in diesem schönen Saal fand unsere perspektive n im Sommer statt -, prominenten Gästen und einer musizierenden Jazz-Combo zu Beginn der Fachtagung „Bildung für nachhaltige Entwicklung. Konzeptionelle Grundlagen und Bedeutung für die Lehrer*innenbildung“ gewürdigt. An Assoziationen mangelte es angesichts dieser Rahmenbedingungen nicht: Sind nicht BNE und die Notwendigkeit, dass die Menschen unseres Planeten einen nachhaltigen Pfad beschreiten, ein ähnlich revolutionäres Verlangen wie die Reformation im 16. Jahrhundert? Kann Jazz nicht als Metapher für BNE aufgefasst werden – als Balance zwischen der Freiheit der Improvisation und des Gerüsts eines gemeinsamen und aufeinander abgestimmten Musizierens sowie als friedliche Koexistenz heterogener kultureller, harmonischer und rhythmischer Elemente?

Den Reden des Rektors der MLU Halle-Wittenberg, Prof. Dr. Udo Sträter, und des Bildungsministers des Landes Sachsen-Anhalt, Marco Tullner, war anzumerken, dass BNE in ihrer Lebens- und Berufsrealität kaum eine Rolle spielt. Der Bildungsminister nutzte seinen als Festvortrag deklarierten Part für anekdotische und assoziative Bemerkungen, tappte mit seinem offen zur Schau gestellten Fremdeln mit Sternchen und gendergerechter Sprache in ein vor diesem Publikum tiefes Fettnäpfchen und beachtete leider sein anscheinend mit Bezug zur BNE zugearbeitetes Manuskript kaum. Der folgende Fachvortrag von Ute Stoltenberg, Seniorprofessorin für Nachhaltigkeitswissenschaft an der Leuphana Universität Lüneburg, belohnte dagegen die Zuhörenden mit einem umfassenden, stringenten und prägnanten Überblick über die konzeptionellen Grundlagen der BNE und deren Bedeutung für die Lehrer_innenbildung; eine wichtige Botschaft war, dass BNE „kein Thema [ist], nichts was man zusätzlich in Curricula aufnehmen müsste, sondern ein Lehrkonzept und Bildungsverständnis.“ Zum Abschluss des morgendlichen Teils der Tagung stellte Frederik Bub die Erkenntnisse einer Umfrage unter Akteuren der Lehrer_innenbildung in Sachsen-Anhalt vor. Die Aussagen der Expert_innen könnten durchaus als Ermutigung für Entscheider_innen interpretiert werden: a) In der Lehrer_innenbildung in Halle ist BNE nicht systematisch verankert; b) der Stellenwert von BNE wird überwiegend als sehr gering eingeschätzt; c) über 80 % sehen einen sehr hohen Handlungsbedarf.

© Maike Glöckner

Im weiteren Verlauf der Fachtagung stellten Gäste von der Universität Vechta, der PH Ludwigsburg, der FU Berlin und der Leuphana Universität Lüneburg in Impulsvorträgen Beispiele des Gelingens für BNE in der Lehrer_innenbildung vor, woran sich Workshops anschlossen, in denen zum einen über Ansätze der fachlichen Integration von BNE in der Lehramtsausbildung in Sachsen-Anhalt und zum anderen über Vorschläge für eine strukturelle Stärkung diskutiert wurde. Die Ergebnisse und Erkenntnisse des Tages flossen in eine Abschlussdiskussion ein, die von Michael Flohr vom netzwerk n mit sanfter Anlehnung an das Fishbowl-Format moderiert wurde und an der Vertreter_innen wesentlicher Anspruchsgruppen aus dem Bildungsministerium, der Professoren- und Studierendenschaft und aus der zweiten Phase der Lehrerausbildung zusammenkamen.

In dieser Runde manifestierten sich die größten Herausforderungen, die sich für eine stärkere Verankerung von BNE in Halle stellen: BNE ist in der Hochschulleitung und im Senat kein Thema, wie Prof. Dr. Wolf Zimmermann, Prorektor für Studium und Lehre, offen zugab, und hat somit keine Priorität. Die Hochschulleitung ist nicht bereit, personelle und zeitliche Ressourcen einzusetzen. Das Konzept der BNE gerät in der Wahrnehmung mancher Akteure schnell in eine vermeintliche Konkurrenz zu anderen auf die Einrichtung Hochschule einwirkenden Forderungen nach Inklusion, Digitalisierung, Familiengerechtigkeit usw. Auf der anderen Seite zeigte sich, dass das studentische Engagement ein wahrlicher Schatz an der Uni ist und dieses einer größeren Wertschätzung z.B. seitens des Rektorats bedürfte, dass viele Dozierende motiviert und engagiert BNE bereits anwenden und leben, dass im Staatlichen Seminar für Lehrämter in Halle auch schon viel Bewegung ist und dass die schriftlichen Grundlagen in allerlei Strategiepapieren und Vereinbarungen wie z.B. in der Rahmenvereinbarung zwischen Land und Hochschule bereits gelegt sind. Auch das Zentrum für Lehrerbildung der Universität bekräftigte an diesem Tag seine Ziele, stärker in Richtung BNE zu denken und aktiv zu werden, wie zum einen die Geschäftsführerin Dr. Marie-Theres Müller in der Fishbowl-Diskussion betonte und wie zum anderen der Direktor Prof. Dr. Thomas Bremer durch seinen Letter of Intent zum Beitritt in das deutschsprachige Netzwerk LehrerInnenbildung für eine nachhaltige Entwicklung (LeNa) verdeutlichte. Im Schluss-Statement kündigte Dr. Monika Käther-Zopf, Leiterin des Staatlichen Seminars für Lehrämter, zudem an, dass sie eine Weiterbildung aller Ausbildungsfachkräfte in Sachsen-Anhalt mit Prof. Dr. Ute Stoltenberg angehen möchte. Auf diesen vielfältigen positiven Aspekten lässt sich aufbauen.

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