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perspektive n an der Universität Ulm

Eine junge Uni in der Wissenschaftsstadt Ulm – (noch) ohne strukturelle Verankerung der nachhaltigen Entwicklung

Die zwölfte Station der perspektive n führte das netzwerk n am 17. Oktober 2017 nach Ulm und war zugleich eine Premiere: Erstmals waren wir im Rahmen der Hochschultage Ökosoziale Marktwirtschaft und Nachhaltigkeit zu Gast, die ihren Ursprung in Ulm hatten und nunmehr zum siebten Mal vom Forschungsinstitut für anwendungsorientierte Wissensverarbeitung/n (FAW/n) und der Hochschulgruppe für Nachhaltigkeit an der dortigen Universität ausgerichtet wurden. Bundesweit und international fanden seit 2010 bereits über 140 Hochschultage statt, die ihren Fokus größtenteils auf die globalen Herausforderungen einer nachhaltigen Entwicklung legen – gewissermaßen den Blick in die Ferne schweifen lassen. Die perspektive n möchte dagegen die Hochschulen als Erfahrungs- und Handlungsraum thematisieren und von der oftmals abstrakten Vorstellung einer nachhaltigen Entwicklung auf globaler Ebene den Bogen zum konkreten Handeln und zur Selbstwirksamkeit innerhalb der Organisation Hochschule schlagen. In diesem Sinne ergänzen sich beide Veranstaltungsformate hervorragend.

Unsere an die Fishbowl-Methode angelehnte Diskussion begann dieses Mal zu später Stunde um 21 Uhr und präsentierte sich vor circa 35 Interessierten im Kompaktformat von 75 Minuten. In dieser Zeit stellten sich Prof. Dr. Joachim Ankerhold, Vizepräsident für Forschung und Informationstechnologie, Tim von Winning, Bürgermeister der Stadt Ulm mit der Leitung des Fachbereichs Stadtentwicklung, Bau und Umwelt, und aus netzwerk n-Perspektive Johannes Geibel einer belebten Diskussion um die nachhaltige Entwicklung einer Universität, die gerade ihr 50-jähriges Bestehen feiert und sich laut Webseite als „Impulsgeberin der Wissensschaftsstadt Ulm“ und als „Campus-Uni im ‚Grünen'“ mit einer interdisziplinären Orientierung als Markenzeichen versteht.

Die Hauptschwerpunkte der Diskussion waren die Lehre und die Interaktion zwischen Universität und Stadt. Ersteres wurde bezogen auf die Wirtschaftswissenschaften von zwei Studentinnen als zu wenig plural und kaum an den Prinzipien einer Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) orientiert kritisiert. Eine curriculare Verankerung von BNE und nachhaltiger Entwicklung scheint bislang die Ausnahme zu sein. Zudem fehlt es an einer allgemeinen Schlüsselqualifikation bzw. einem Zertifikatsangebot, die bzw. das einen fächerübergreifenden fachlichen Austausch und die inhaltliche und methodische Wissensvermittlung im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung zum Gegenstand hat. Joachim Ankerhold zeigte sich dem Thema offen gegenüber und sieht die Integration von neuen Modulen in die Curricula als möglich an.

Hinsichtlich der Interaktion zwischen Universität und Stadt ist sich Tim von Winning nicht sicher, ob das Prinzip der Campus-Uni zukunftsfähig sei. In Ulm liegt die Uni auf einem Hügel abseits der Innenstadt. Eine neue Straßenbahn-Linie soll zwar bis 2018 den Austausch zwischen universitärer und städtischer Welt intensivieren, doch ob dies in der Praxis gelingen wird, ist angesichts der örtlichen Trennung ungewiss. Die Hochschultage können in diesem Kontext als gelingendes Beispiel genannt werden, da sie es jährlich schaffen, Veranstaltungen an beiden Orten anzubieten und sowohl Bürger_innen als auch Studierende anzusprechen.

Im letzten Teil konnten sich viele Anwesenden mit ihren Wünschen und Forderungen einbringen: Diese bezogen sich u.a. auf die Bündelung von nachhaltigkeitsbezogenen Tätigkeitsbereichen in der Hochschulverwaltung, auf eine stärkere Honorierung und Unterstützung des studentischen Engagements durch z.B. ECTS oder eine ausgeprägtere Offenheit der Verwaltung gegenüber Vorschlägen von Studierenden, sowie auf die belebendere Gestaltung der Campus-Infrastruktur, sodass der Campus mehr zum Verweilen einlädt. Problematisiert wurde, dass das studentische Engagement ausbaufähig ist und durch die Fluktuation im Bachelor- und Mastersystem und eine nicht seltene dominante Karriereorientierung vieler Student_innen leidet.

Insgesamt wurde während der perspektive n deutlich, dass es an der Universität Ulm einige positive Beispiele und punktuelle Ansätze zur nachhaltigen Entwicklung gibt, aber das konzeptionelles Vorgehen bislang keine Priorität genoss und die strukturelle Verankerung noch in den Kinderschuhen steckt. Die Bereitschaft zur Veränderung ist in jedem Fall gegeben. Bei der Hochschulleitung seien für engagierte Studierende jederzeit die Türen offen, so Joachim Ankerhold, der die Studierenden sogar ermutigte, „mehr einzufordern“. Er betonte überdies, dass die strukturelle Verankerung von nachhaltiger Entwicklung ein größeres Thema für die Hochschulleitung sein sollte. Auch an einem Klimaschutzplan oder einem Umweltmanagementsystem zeigte er sich interessiert. Damit diese Bereitschaft im Dschungel der Ansprüche an eine Uni-Leitung nicht versiegt oder in Vergessenheit gerät, liegt es letztlich auch an den Studierenden selbst, Veränderungen kontinuierlich und aktiv anzusprechen und voranzubringen. Wir wünschen viel Erfolg und stehen jederzeit bereit, die Engagierten mit Rat und Tat zu unterstützen.

 

Diskutanten:

Prof. Dr. Joachim Ankerhold, Vizepräsident für Forschung und Informationstechnologie der Universität Ulm

Tim von Winning, Bürgermeister der Stadt Ulm mit der Leitung des Fachbereichs Stadtentwicklung, Bau und Umwelt

Johannes Geibel, Vorstand netzwerk n e.V., Nationale Plattform WAP

Moderation:

Michael Flohr, Doktorand Universität Erfurt, Fachforum Non-formales und informelles Lernen/Jugend im Weltaktionsprogramm BNE

P.S.: Alle Berichte zu den vergangenen Veranstaltungen findest Du auf unserer Seite zur perspektive n

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