perspektive n an der Universität Witten/Herdecke

Beste Voraussetzungen für eine nachhaltige Universität: Das Feld ist für eine reiche Ernte bestellt

Den Höhe- und Schlusspunkt der Aktionstage Nachhaltigkeit an der Universität Witten/Herdecke (UW/H), die im Rahmen der Deutschen Aktionstage Nachhaltigkeit vom Initiativ-Labor organisiert wurden und praxisorientierte Workshops, Vorträge und einen Radausflug entlang der Ruhr zu bieten hatten, markierte am 7. Juni unsere bundesweite Veranstaltungsreihe perspektive n, die in diesem Sommersemester bereits an Hochschulen in Friedrichshafen, Stuttgart, Greifswald und an der TU Berlin zu Gast war. Das für öffentliche Diskussionen für viele immer noch ungewohnte Fishbowl-Format, das wir mit Farbkartenabstimmungen und Murmelrunden noch interaktiver ausgerichtet haben, um möglichst viele Studierende, Wissenschaftler_innen, Präsidiumsmitglieder und Verwaltungsmitarbeiter_innen in die Diskussion um die Zukunftsfähigkeit ihrer Hochschule einzubeziehen, begeisterte die über 60 Teilnehmenden im prall gefüllten Audimax der UW/H – bezogen auf die ca. 2.300 Studierenden der Universität eine beachtliche Zahl.

Eine positive Energie und der Wille zur Transformation durchzogen die lebhafte Diskussion und hinterließen spürbar Eindruck beim Präsidenten der UW/H, Prof. Martin Butzlaff. Anfangs widmeten wir uns dem Begriff der nachhaltigen Entwicklung, unter dem Butzlaff „enkelgerechte Zukunft durch Verantwortungsfreude“ versteht. Mit „Freude“ und einem optimistischen Blick lassen sich gewiss die Herausforderungen und die Krisen der Moderne einfacher meistern, dennoch legten Johannes Geibel und Sabine Bohnet-Joschko auch den Finger in die Wunde: Johannes verwies auf die planetaren Grenzen, die es einzuhalten gelte und die den menschlichen Handlungsrahmen determinieren; Bohnet-Joschko erwähnte die Zielkonflikte, die in der Diskussion um nachhaltige Lebensstile und Wirtschaftsweisen zwangsläufig aufkommen, und sprach in diesem Kontext von Nachhaltigkeit als „Symbol für Verteilungskämpfe und die Suche nach Interessenausgleich“.

Im Anschluss näherten wir uns vom abstrakten und theoretischen Überbau dem Konkreten an und ließen alle Anwesenden nach einer kurzen Murmelrunde über den Stand der nachhaltigen Entwicklung an der UW/H befinden: Die Farbkarten schnellten in die Höhe; gelb („Das Potential ist auf jeden Fall vorhanden.“) erfüllte den Raum, mit einigen grünen („Wir sind auf einem guten Weg.“) Farbtupfern. Martin Butzlaff, der nach eigener Aussage stets in seiner Rolle als Präsident die grüne Karte in die Luft zu halten habe, auch wenn man ihn 4 Uhr nachts aufwecke, entwickelte einen ausgesprochenen offenen und selbstkritischen Blick auf seine Hochschule: Die Lehre, das studentische Engagement, der „umgekehrte Generationenvertrag“ zur Finanzierung des Studiums und die Werte, mit denen die Absolvent_innen die UW/H verließen, stimmen ihn äußert zufrieden, in betrieblichen Aspekten wie Ernährung, Mobilität, Energieeffizienz und Ressourcennutzung gebe es dagegen noch große Defizite und somit Potenziale für Veränderungen. In der Folge problematisierten einige Stimmen, dass eine deutliche Diskrepanz zwischen der vorbildlich mit Nachhaltigkeitsinhalten versehenen Mission bzw. den angestrebten Zielen der Universität und dem Handeln zu erkennen sei. Ein ehemaliger Student der Leuphana Universität Lüneburg brachte es auf den Punkt: „Nachhaltigkeit wird hier philosophiert.“


Fotos: Copyright Michael Kotowski

Im weiteren Verlauf kristallisierte sich heraus, dass ein fester Ort bzw. eine Struktur fehlt, wo Ideen und Themen der Nachhaltigkeit von allen Statusgruppen eingebracht, diskutiert, ausgehandelt und vorangebracht werden können. In diesem Kontext war den Beiträgen zu entnehmen, dass klare Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten fehlen und dass ein klares Commitment der Hochschulleitung gewünscht ist, damit Initiativen, die bottom-up ihre Hochschule gestalten wollen, ermutigt, gewertschätzt und motiviert werden – passend dazu ist in der Mission der UW/H formuliert: „Es zeichnet die UW/H aus, dass sie ihre Studierenden, Wissenschaftler und Mitarbeiter als Ganzes sieht und deshalb den physischen, organisationalen und mental-intellektuellen Raum zur Verfügung stellt, um sich in jedem dieser Bereiche zu erfahren und weiter zu entwickeln. ‚Betreten und gestalten Sie ihn‘.“ Diese Aussagen gilt es immer wieder aufs Neue zu reflektieren und mit Leben zu füllen.

Im letzten Teil besprachen alle Anwesenden zuerst in kleinen Gruppen, was es von der Uni braucht, um Nachhaltigkeit voranzubringen, und welche nächsten Schritte sie angehen werden. Die Schaffung von Strukturen, in denen Nachhaltigkeit mit einer klaren Zuständigkeit ermöglicht und ermutigt wird, war für viele ein gewünschter und weiter zu diskutierender Vorschlag, wie auch eindeutig eine Abstimmung mit Farbkarten zeigte; ob es nun ein/e Nachhaltigkeitsbeauftragte/r, ein Nachhaltigkeitsbüro, ein Ausbau des bestehenden Initiativ-Labors, ein Green Office, ein Beirat für nachhaltige Entwicklung oder ein Runder Tisch sein soll, müssen und werden hoffentlich die kommenden Monate zeigen. Präsident Martin Butzlaff äußerte abschließend seinen Willen, die nachhaltige Entwicklung an der UW/H weiter voranzubringen. Er habe das starke Signal der Studierenden, die mit ihrer Präsenz und Beteiligung an der Diskussion gezeigt haben, wie wichtig ihnen das Thema Nachhaltigkeit ist, aufgenommen. Überdies ist er überaus offen für die Einsetzung eines Runden Tisches, an dem er auf jeden Fall monatlich teilnehmen würde. Resümierend wies er aber darauf hin, dass es darum gehe, auch die Balance zwischen dem freiwilligen studentischen Engagement und einer Institutionalisierung des Themas zu wahren; in der kommenden Zeit möchte er an der Uni diskutieren, wie diese Balance auszusehen habe. Dass eine stärkere Verantwortlichkeit – gerne auch Verantwortungsfreude – von den Verantwortlichen der UW/H gewünscht ist, belegte auch das Abschlussstatement von Sabine Bohnet-Joschko, die eine regelmäßige Berichterstattung und ein Umweltmanagementsystem implementieren und nachhaltige Entwicklung in die Grundordnung der Uni aufnehmen will. Dem pflichtete auch Reinhard Loske bei, der aus seiner Zeit als Umweltsenator von Bremen erlebte, welche Wirkung ein Umweltmanagementsystem entfalten kann. Domenik Treß plädierte dafür, dass die Uni sich dem Whole-Institution-Approach verpflichten und die Initiativkraft der Studierenden weiter unterstützen müsse. Zusammenfassend bleibt bei für uns das überaus positive Gefühl, dass sich an der UW/H in den nächsten Monaten einiges bewegen wird. Eine große Zahl engagierter und offener Menschen fand während der perspektive n zusammen; wir sind gespannt, was dieser Impuls noch bewirken wird und bedanken uns insbesondere bei Domenik, Milan und Elena vom Initiativ-Labor für die Einladung. In den kommenden Wochen wird der Senat über den Eingang der nachhaltigen Entwicklung in die Grundordnung der UW/H entscheiden – wir drücken die Daumen und hoffen auf eine entschiedenes und unterstützendes Wort des Präsidenten.

 

Diskutant_innen:

Prof. Dr. Martin Butzlaff, Präsident der UW/H, Mediziner

Prof. Dr. Reinhard Loske, Professor für Politik, Nachhaltigkeit und Transformationsdynamik

Prof. Dr. Sabine Bohnet-Joschko, Professorin für Management und Innovation im Gesundheitswesen

Domenik Treß, Initiativ-Labor an der Universität Witten/Herdecke

Johannes Geibel, Vorstand netzwerk n e.V., Nationale Plattform Weltaktionsprogramm BNE, Gründungsmitglied StudierendenInitiative Greening the University Tübingen

Moderation:

Michael Flohr, Vorstand netzwerk n e.V., Universität Erfurt, Fachforum Non-formales und informelles Lernen/Jugend im Weltaktionsprogramm BNE

 

P.S.: Alle Berichte zu den vergangenen Veranstaltungen findest Du auf unserer Seite zur perspektive n

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